Küstenschutz

Wie lange halten Niedersachsens Deiche?

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„Der Anstieg des Meeresspiegels kommt“: Ein Mann in Cuxhaven sucht Halt bei Hochwasser.

Hannover - Auf die niedersächsischen Küstengebiete kommt laut Prognosen einiges zu. Sturmfluten und Orkane, wie im vergangenen Jahr, belasten die Deiche. Sie sind zwar grundsätzlich sicher – einen absoluten Schutz gibt es aber nie.

Die Veränderung des Klimas trifft alle. Es kommt, so die Prognosen der Experten, auch auf die niedersächsischen Küstengebiete einiges zu. Wie in der Nacht zum Nikolaustag des vergangenen Jahres, als Orkan „Xaver“ seinen Höhepunkt erreichte. Betrachtet man die Pegelstände, gehörte die Sturmflut zu den schwersten in den vergangenen 100 Jahren in Niedersachsen. Und doch richtete „Xaver“ auf dem Festland nicht so dramatische Schäden an wie zunächst erwartet. Umweltminister Stefan Wenzel zieht daraus den Schluss: „Unsere Küstenschutzstrategie funktioniert.“ Der Grünen-Politiker stellte am Mittwoch im ostfriesischen Norden den Jahresbericht des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) vor.

Dass die mehr als 1000 Kilometer Deich an Küste, Flussmündungen und auf den Inseln im Dezember 2013 gehalten haben, ist auch das Ergebnis einer immensen Kraftanstrengung. Das Land hat nach Angaben des NLWKN seit 1955 mehr als zwei Milliarden Euro in den Küstenschutz investiert – allein in diesem Jahr 69 Millionen Euro. Rund drei Millionen Euro kostet der Bau eines Kilometers Deich, etwa soviel wie dieselbe Strecke Autobahn. Die mächtigsten Deiche sind inzwischen bis zu neun Meter hoch. „Die Deiche sind sicher“, verspricht der NLWKN.

Doch diese neun Meter reichen laut Wenzel auf Dauer nicht. „Eine globale Erwärmung und ein daraus resultierender beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels werden unstrittig kommen. Wir müssen den Klimawandel ernst nehmen.“ In den kommenden 100 Jahren könne der Meeresspiegel laut UN-Klimabericht um bis zu 98 Zentimeter ansteigen. Ganz direkt betroffen von diesem Szenario wären 1,2 Millionen Menschen in Niedersachsen. Sie leben in einem 6600 Quadratkilometer großen Gebiet unmittelbar hinter den Deichen. Das entspricht etwa 14 Prozent der Landesfläche.

Ob die Vorhersage aus dem UN-Klimabericht aber tatsächlich auch für die Nordsee vor Niedersachsen zutrifft, vermag niemand zu sagen. Es gibt keine regionale Differenzierung, andere Berechnungen gehen außerdem von anderen Pegelständen aus.

Klar ist aber schon jetzt, dass den Deichen das Wasser sozusagen bis zum Hals steht. 25 Zentimeter betrug eine Art Sicherheitsreserve, die bereits 2007 um weitere 25 Zentimeter auf einen halben Meter erhöht wurde. Mit diesem sogenannten Klimabeiwert sollte ein künftig höherer Meeresspiegelanstieg bereits berücksichtigt werden. 520 Millionen Euro sind für die Erhöhung der Deiche dem „Generalplan Küstenschutz“ zufolge eingeplant.

Ob der halbe Meter mehr Deich allerdings auf Dauer reichen wird, ist unklar. Tritt das Szenario des UN-Klimaberichts von 98 Zentimetern in 100 Jahren ein, ist das sicher zu wenig. Doch auch nach anderen Berechnungen wird die Sicherheitsreserve bereits in den kommenden Jahrzehnten aufgefressen sein.

So schätzt etwa das Institut für Küstenforschung am Forschungszentrum GKKS in Geesthacht, dass die Sturmwasserstände in 16 Jahren bereits mehr als 20 Zentimeter höher ausfallen, bis 2085 sogar um 70 Zentimeter. Im Moment gilt: Die Deiche sind zwar grundsätzlich sicher – einen absoluten Schutz gibt es aber nie.

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