Besuch im Niemandsland

Ein Leben mit der Postleitzahl 00000

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Foto: Hart an der Grenze: Marlies Scheffel (in Niedersachsen) und Reinhold Heck (in Hessen).

Hannoversch Münden - Eine hessisch-niedersächsische Eigenwilligkeit: Marlies Scheffel und Reinhold Heck leben im Niemandsland mit der Postleitzahl 00000.

„So, ich geh’ jetzt mal nach Niedersachsen rüber“, sagt Marlies Scheffel und macht einen Schritt nach links. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt, was das innere Gefüge Deutschlands betrifft. Ihr Lebensgefährte steht gleich neben ihr – aber in Hessen, auf der anderen Seite des Grenzsteins von 1838. „KFH“ ist dort eingraviert. Kurfürstentum Hessen. „Könnte aber auch ,Kurfürstentum Heck‘ heißen“, sagt Reinhold Heck.

Die Landesgrenze hier ist zugleich seine Grundstücksgrenze. Sein Ausflugslokal, die Tillyschanze, liegt im Wald oberhalb des lauschigen Fachwerkstädtchens Hann. Münden, wo Werra sich und Fulda küssen. Vor 130 Jahren errichtete ein „Verschönerungsverein“ aus der nahen Stadt hier einen schlanken Aussichtsturm, gerade noch auf niedersächsischem Gebiet. Weil der Waldhang hier steil ist, bauten sie das Lokal dazu ein paar Meter weiter auf hessisches Territorium. Jenseits von Münden. Und deshalb ist das Leben der Wirtsleute Heck und Scheffel heute ein Grenzfall, wie es ihn in Deutschland wohl kein zweites Mal gibt.

„Anderthalb Jahre haben sich die Kaufverhandlungen für das Grundstück mit dem Land Hessen damals hingezogen“, sagt Heck. Der 69-Jährige hat es sich auf einem Gartenstuhl vor seinem Waldlokal gemütlich gemacht, zwischen üppigen Hortensien und aufgespannten Sonnenschirmen. Bedächtig erzählt der Mann mit dem karierten Hemd und den Hosenträgern, wie er damals bei den Behörden hartnäckig blieb. Dann, 1995, konnte er endlich das Traditionslokal wiedereröffnen, das er gekauft und renoviert hatte. „Wenn ich gewusst hätte, worauf ich mich da einlasse – ach, eigentlich wäre es dann nur noch reizvoller gewesen“, sagt er. „Wir sind doch irgendwie Auserwählte.“

Heck und Scheffel leben im riesigen Reinhardswald. Weil ihre Tillyschanze ein paar Schritte jenseits von Niedersachsen steht, sind sie die einzigen Bewohner einer Gemeinde, die es praktisch gar nicht gibt: Der Forstgutsbezirk ist „gemeindefreies Gebiet“. Als Bürgermeister fungiert der zuständige Forstamtsleiter, der nicht gewählt, sondern vom Landrat ernannt wird. „Als ich mich ummelden wollte, konnte ich erst gar nicht glauben, dass ich aufs Forstamt muss“, sagt Heck. Er fingert seinen Personalausweis aus der Tasche: „Forstgutsbezirk Reinhardswald“ steht darauf, und als Anschrift „Tillyschanze 1“. Eine Fantasieadresse. Denn die Straße vor seinem Lokal ist in Wirklichkeit ein namenloser Waldweg. Aber irgendetwas muss man ja schließlich hineinschreiben in so einen Ausweis.

Dann legt er seinen Kfz-Schein daneben. Die Waldbewohner haben zwar eine niedersächsische Telefonvorwahl, aber ihr Kia hat ein Kasseler Kennzeichen. Der Kfz-Schein ist ein seltenes Dokument behördlicher Improvisationskunst. Denn die Tillyschanze hat nie eine offizielle Postleitzahl bekommen. Auch als die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt wurden, hat man sie wieder übersehen. Der Computer auf der Zulassungsstelle wollte aber partout keinen Kfz-Schein ohne Postleitzahl ausdrucken. Schließlich kam ein cleverer Mitarbeiter auf die Idee, fünfmal die Null einzutippen. Seitdem leben Heck und Scheffel in „00000 Forst. Reinhardswald“. Ganz halboffiziell.

Gemeindefreie Gebiete gibt es Hunderte in Deutschland. Meist sind das Wälder, Seen oder Truppenübungsplätze, für die keine Kommune zuständig ist. Nur wenige sind bewohnt, wie Lohheide und Osterheide zwischen Celle und Bad Fallingbostel. Doch diese haben jeweils rund 700 Einwohner. Anders als die Heidjer müssen die Hessen aus dem Reinhardswald nur zu zweit darauf achten, dass sie nicht immer zwischen den Maschen des Verwaltungsnetzes hindurchrutschen – und ihre Grenzlage macht es nicht unkomplizierter. Die Behörden übersehen sie gerne mal.„Der Forstgutsbezirk ist nicht bewohnt“, beteuert eine Mitarbeiterin beim Statistischen Landesamt Hessen mit Blick auf ihre Datenlisten ratlos: „Statistisch gesehen gibt es die beiden gar nicht.“ Pakete lassen sich Scheffel und Heck im Zweifel an die Tochter im nahen Hann. Münden schicken, denn ob die Zusteller das einzige Haus mit der Postleitzahl 00000 finden, ist Glückssache. So ist das, wenn man im Niemandsland lebt.

„Niemandsland gibt es gar nicht“, widerspricht Reinhold Heck. Tatsächlich ist wohl jeder Quadratmeter in Deutschland vermessen und zugeordnet – einer Gemeinde, einem Land, dem Bund. Aber es gibt ausgefranste Zuständigkeiten. Ungenaue Rechtsverhältnisse. Seltsame lokale Gemengelagen, erwachsen aus Geschichte und Gewohnheiten, die in kein rechtes Raster passen.

Grenzen sind ja immer auch der obrigkeitliche Versuch, etwas zu trennen. Etwas zu ordnen. Nur, dass die Realität den Grenzziehungen manchmal hartnäckig entgegensteht. So gesehen erzählt die Geschichte der Tillyschanze viel von einem Leben zwischen den Zuständigkeiten. Sie ist eine Geschichte aus dem Kuriositätenkabinett des deutschen Föderalismus. Ein Lehrstück darüber, wie schwer Verwaltung und Wirklichkeit oft zueinanderfinden. Doch dieser Grenzfall zeigt auch, dass das gar nicht so schlimm sein muss, weil sich irgendwo im Dreieck von Politik, Landvermessung und Verwaltung doch immer noch eine Wahrheit finden lässt, mit der alle leben können.

Da ist zum Beispiel die Sache mit den Wahlen. In 00000 Reinhardswald gibt es traditionell keinen Wahlkampf, aber eine Wahlbeteiligung von 100 Prozent. „Unsere Gemeinde könnte um 18.01 Uhr das Wahlergebnis bekannt geben“, sagt Forstgutsbezirksvorsteher und Bürgermeister Norbert Teuwsen, „zwei Zettel sind ja schnell ausgezählt.“ Doch dann wäre das Wahlgeheimnis nicht mehr gewahrt: „Jeder von uns beiden wüsste ja automatisch, was der andere gewählt hat“, sagt Marlies Scheffel. Also wählen die Wirtsleute einfach im acht Kilometer entfernten Reinhardshagen mit. Jedenfalls sofern die Wahlbenachrichtigung rechtzeitig den Weg mit der Post zu ihnen findet.

Länderübergreifende Verträge mussten geschlossen werden, damit das nahe, niedersächsische Hann. Münden einen Abwasserkanal zur hessischen Tillyschanze verlegen konnte. Auch den Müll von Heck und Scheffel holt die Stadt mit einem Kleinfahrzeug über die Grenze. „Das haben wir mal so besprochen“, sagt der Wirt. „Wir haben uns dafür an einen Tisch gesetzt. Die Stadt und unsere ganze Gemeinde. Also wir zwei.“

Das ist das Praktische am Leben im Reinhardswald: Das Wirtspaar ist sozusagen sein eigenes Dorf. Mehr Identifikation des Einzelnen mit seinem Gemeinwesen ist kaum denkbar. Allerdings stößt die Kommunalpolitik auch schnell an Grenzen: Als der Flughafen Kassel-Calden gebaut wurde, beschlossen die Tillyschanzenbewohner, dass sie dagegen sind. Einstimmig, also mit zwei Stimmen. „Wir erhoben Einspruch, aber dann wurden 30 Aktenordner zur Durchsicht ins Forstamt geliefert“, sagt Heck. „Da haben wir aufgegeben.“

Er macht eine Pause und blickt über seinen Gartentisch hinüber zum Aussichtsturm. Vor dessen Tür stehen zwei Wanderer, die hinaufwollen. „Moment!“, ruft er ihnen zu und drückt auf eine Fernbedienung. Es summt, und drüben in Niedersachsen öffnet sich die Turmtür. Dann erzählt er weiter. Er freut sich diebisch, als er von seiner jüngsten Verkehrskontrolle berichtet: „Der Polizist sah die Papiere, runzelte die Stirn und telefonierte erst mal eine Viertelstunde lang vom Auto aus.“ Dann ließ er den Mann mit dem seltsamen Kfz-Schein ziehen: „Fahren Sie weiter – mit Ihnen kriege ich nur Schwierigkeiten.“ Und dann ist da noch ihr Rottweiler Otto. Otto war lange von der Hundesteuer befreit, weil es fürs Forstamt zu teuer gewesen wäre, eine einzige Plakette zu prägen.

Wenn es zum Signum des postmodernen Menschen gehört, dass er auch ohne Sicherheiten und jenseits aller Gewissheiten ganz gut durchs Leben kommt, weil ja alles irgendwie geht – dann ist Heck mitsamt Holzfällerhemd und Hosenträgern der Inbegriff des postmodernen Menschen. „Wir haben nie so schön gewohnt wie jetzt“, sagt er und drückt noch einmal auf seinen Summer, um den nächsten Gästen die Tür zum Aussichtsturm im Nachbarland zu öffnen. Seine Langzeitverlobte Marlies Scheffel nickt zufrieden. Sollten die beiden irgendwann einmal heiraten, würde sie der Förster trauen. In der Tillyschanze, zwischen Zapfhahn und Hortensien. Dann wären alle Reinhardswalder verheiratet. Und zwar miteinander.

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