Essbare Städte und Roboter-Autos

Leben wir so in der Zukunft?

+
Foto: Prototyp eines Selbstfahrenden Autos, das der Internetkonzern Google entwickelt hat.

Berlin - Selbstfahrende Autos, „essbare“ Städte und intelligente Kühlschränke: Auch 30 Jahre nach dem Kinoerfolg „Zurück in die Zukunft“ beschäftigen sich die Menschen mit dem Leben in der Zukunft. Dabei ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema.

Links Fische, rechts Gemüse: Nicolas Leschke läuft in Wanderschuhen von den Wassertanks in den anderen Teil der Halle, ins Gewächshaus. Unter einem Dach mit Barschen sollen hier Tomaten, Salat oder Paprika gedeihen. Sein Zukunftsprojekt entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik in Berlin, nahe dem Bahnhof Südkreuz. Der 36-Jährige zeigt auf lange Pflanztische. Er erzählt von elektronisch gesteuerten Systemen für Wärme und Wasser. Computertechnik soll helfen, das Aufziehen von Öko-Gemüse und Barschen so zu kombinieren, dass auf kleinsten Raum wassersparend und ohne Boden produziert wird. Und zwar dort, wo die Menschen dicht gepackt wohnen: in der Stadt.„Wir revolutionieren nicht die Lebensmittelproduktion, aber wir werden eine Ergänzung zur traditionellen Landwirtschaft“, prophezeit der Mitgründer der Stadtfarm ECF. Leschke ist Teil eines größeren Wandels: Das Thema „Stadt der Zukunft“ beschäftigt Jungunternehmer, Forscher und Politiker in den verschiedensten Bereichen.

Wissenschaftler entwickeln Konzepte für mehr Elektroautos, um Lärm und Abgase zu stoppen. Andere basteln am schnellen Internet, damit Kühlschränke selbstständig Bestell-Listen an Läden schicken können.Vieles, was in den kommenden 10 bis 20 Jahren auf uns zukommt, ist in den Metropolen schon spürbar. Etwa beim Boom des Teilens („Sharing“) von Wohnungen, Autos, Büros oder dem Trend zu Bürgerbegehren und Volksbefragungen. Anderes bewegt sich eher im Bereich von Visionen. Das Bundesforschungsministerium jedenfalls hat 2015 unter das Motto „Zukunftsstadt“ gestellt, um das Thema breiter als bisher zu diskutieren. Einige der zentralen Trends sind...

ANDERS FAHREN: Probleme wie Staus, Lärm und Abgase hatten so zugenommen, dass vielerorts neue Lösungen her müssen. Carsharing-Modelle, wo Wagen geteilt und gemietet statt besessen werden, erleben seit einiger Zeit einen Boom. Elektro-Mobilität ist ein anderes, viel diskutiertes Stichwort: Ziel der Bundesregierung ist, dass bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen rollen - auch wenn die Umwelteffekte je nach Stromquelle variieren. Der Ausbau der Fahrradwege ist eine andere Antwort.

ANDERE AUTO-TECHNIK: „Die Zukunft liegt aber nicht in autofreien Städten, sondern in fahrerlosen Autos, die gleichzeitig geräuscharm und sauber sind“, schreibt der Architekt Andreas Klok Pedersen (Kopenhagen) in der Zeitschrift „Technology Review“. Seine Idee: ein intelligenter Straßenbelag mit programmierbaren Sensoren. Diese Technik hilft, autonome Wagen zu lenken. Zugleich wandelt sich die Fläche je nach Bedarf - etwa durch Farbänderung - von der Autospur zum Fußgängerweg. Beim Auto ohne Fahrer rechnen viele mit einer schrittweisen Entwicklung: Professor Hans-Jörg Bullinger von der Fraunhofer-Gesellschaft erwartet, dass Autos anfangs in Parkhäusern alleine rollen werden. In acht bis zehn Jahren, sagt der Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky (Leipzig), würden dann in den Großstädten zunächst Taxis durch selbstfahrende Autos ersetzt. So bleibt Zeit, vernetzte Roboter-Autos noch sicherer zu machen als bisherige Testwagen von Google und vielen klassischen Automarken.

SELBST PFLÜCKEN: „Tomaten statt Tulpen in öffentlichen Grünanlagen“ - mit diesem Modell wurde die Stadt Andernach in Rheinland-Pfalz seit 2010 zum Vorbild für andere. Bürger dürfen sich dort kostenlos bedienen, auch an Kartoffeln, Beeren und Obstbäumen der Kommune. Mehrere Dutzend „Essbare Städte“ zählt eine Internetseite inzwischen. „Bei uns läuft das ungebremst weiter“, sagt Pressesprecher Christoph Maurer in Andernach. Andernorts legen Privatleute und Initiativen auf Dachterrassen Gemüsegärten als grüne Oasen an. Liebevoll bepflanzte Mini-Flächen um Stadtbäume - mit und ohne Erlaubnis der Behörden - gehören schon zum Alltag.

ANDERS BAUEN: Auch wenn das Grün in Metropolen zu sprießen scheint: Viele Experten sehen Hochhäuser als Trend in Ballungsräumen: „Verdichtung und Wachstum werden große Themen. Wir vermuten, dass in der Folge wieder mehr in die Höhe gebaut werden wird. Gleichzeitig wird der Streit um Freiflächen an Schärfe gewinnen“, sagen Wolfram Putz und Thomas Willemeit, zwei Geschäftsführer des Architekten-Büros Graft in Berlin, voraus.

ANDERS PRODUZIEREN: Lange Transportwege für Waren vermeiden und mit der Enge arbeiten, das sind auch Ziele von kommerziellen Stadtfarmen wie ECF. Einen etwas anderen Weg gehen die Gründer von Infarm: Sie entwickeln in einem Berliner Hinterhof Konzepte, wie Mini-Gemüse und Kräuter auf kleinstem Raum in städtischen Gebäuden angebaut werden können, ob in Restaurants oder Duschkabinen. Auch ihr Modell funktioniert ohne Erde - mit Licht, Luft und Wasser, wie der aus Israel kommende Gründer Erez Galonska erläutert. Andere Trendsetter der Urban-Farming-Bewegung nutzen Dächer und Brachen zum Produzieren.

SELBST MACHEN: Do-It-Yourself ist nicht nur beim Gärtnern angesagt, sondern zunehmend beim Stadtleben insgesamt: Menschen bauen Boule-Plätze oder stellen Sitzbänke in Spielstraßen auf. „Wenn Anwohner in ihrem Lebensumfeld selbst aktiv werden und Verantwortung übernehmen für den Platz vor der eigenen Haustüre, steigt die Identifikation mit dem Ort - der eigenen Straße, dem Viertel“, beobachtet Autorin Laura Bruns (29/“Stadt selber machen“). Bei den Entscheidungen von Politik und Verwaltung ist es nach Einschätzung vieler Forscher ähnlich: Stadtbewohner wollen gefragt werden und bei Projekten - etwa Bauvorhaben - verstärkt mitbestimmen.

BASIS FÜR FAST ALLES: Grundlage vieler Zukunftstrends sind digitale Netze. „In der Stadt der Zukunft ist ein Alltag ohne intelligente Informations- und Kommunikationstechnologien undenkbar“, hebt eine Fraunhofer-Studie (2014) hervor. Das schnelle Internet ist in den Städten ohnehin viel weiter entwickelt als auf dem Land. Dabei schätzen viele Städter neben dem Leben mit Computern und Online-Shopping eine Art dörflicher Beschaulichkeit, betonen die Architekten von Graft: „Die Menschen wollen zum einen die Nähe zu hochmoderner Technik und Fortschritt, sie wollen aber auch die Kleinteiligkeit des Dorfes in der großen Stadt wiederfinden. Man könnte das Neo-Biedermeier der Städte nennen.“

dpa

5327502

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare