Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

Lebensretter seit 150 Jahren

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Foto: Das neue Beiboot "Verena" des Seenotrettungskreuzers "Hermann Marwede" der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

Bremen - Seit 150 Jahren riskieren die Helfer der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ihr Leben für andere. Heute engagieren sich neben den 180 festangestellten Rettern auch mehr als 800 Freiwillige, darunter 35 Frauen.

Wie dringend Seenotretter auch heute gebraucht werden, zeigt der Fall der „Purple Beach“. Der Düngemittelfrachter geriet am Dienstag in der Nordsee westlich von Helgoland in Not, weil sich Hitze und Rauch in seinem Frachtraum gebildet hatten. An den Rettungsarbeiten war auch der Seenotrettungskreuzer „Hermann Marwede“ beteiligt - er brachte eine Spezialeinheit zu dem havarierten Schiff. Heute hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gleich ihren nächsten Auftritt: Sie feiert ihr 150-jähriges Bestehen.

Als sich am 29. Mai 1865 erste regionale Seenotretter-Vereine zur DGzRS zusammenschlossen, mussten die Retter noch mit Muskelkraft gegen die Brandung anrudern - oder sie schossen vom Ufer aus eine Leine zum gestrandeten Segler, und die Seeleute fuhren quasi Seilbahn. In einer an der Leine hängenden „Hosenboje“ wurden sie an Land gezogen. Die moderne Zeit brach 1957 an. Ein neuartiger Schiffstyp wurde in Dienst gestellt: mit 37 Stundenkilometern doppelt so schnell wie die seit 1911 benutzten Motorrettungsboote, beim Kentern sich selbst aufrichtend, mit einem Tochterboot huckepack.

Schichtdauer: 24 Stunden

Heute kommandiert die Bremer Zentrale eine Flotte von rund 60 kleinen und großen Wasserfahrzeugen an 54 Stationen, seit 1990 auch wieder im Osten Deutschlands. In der Seenotleitung sitzen Männer wie Wilhelm Elies und Sven Goldammer an zwei Schreibtischen, vor denen sich jeweils acht Computerbildschirme türmen. Von hier aus koordinieren sie die Rettungseinsätze. 24 Stunden dauert ihre Schicht. Manchmal ist es ruhig, dann können sie sich nachts abwechselnd hinlegen. Aber manchmal, sagt Goldammer, „geht man morgens wie ein graues Männchen nach Hause“.

Am bekanntesten sind die 20 Rettungskreuzer. Jeweils vier Hauptamtliche leben hier zwei Wochen lang an Bord, bis die Ablösung kommt. Nautiker und Techniker sind dabei, die früher auf großer Fahrt waren und dann doch lieber heimatnah arbeiten wollten - und dabei auch noch Gutes tun. Jederzeit müssen sie mit einem Einsatz rechnen, der sie Gesundheit und Leben kosten kann. Ihr Motto: „Rausfahren, wenn andere reinkommen.“ Das Wort „Angst“ mögen sie trotzdem nicht hören. Lieber nennen sie es Respekt, Respekt vor den Naturgewalten und dem Restrisiko. In anderthalb Jahrhunderten blieben 45 Retter der Gesellschaft auf See.

Neben den 180 festangestellten Rettern engagieren sich auch mehr als 800 Freiwillige, darunter 35 Frauen. Sie halten die kleineren Rettungsstationen am Laufen. Wenn vor Juist oder Ueckermünde ein Havarist Hilfe braucht, schickt die Leitstelle eine SMS an die Außenpostenmitarbeiter, und die eilen dann zu ihren Sieben- bis Zehn-Meter-Booten wie die Helfer der Freiwilligen Feuerwehren zu ihren Löschfahrzeugen.

Finanzierung durch Spenden und freiwillige Zuwendungen

Die Bilanz nach 150 Jahren: 82.000 Seeleute und Freizeitskipper wurden aus Gefahren gerettet, allein im vergangenen Jahr genau 2183. Nicht immer ging es dabei unmittelbar um Leben und Tod, manchmal war auch nur die Steuerung ausgefallen. Und wer bezahlt das alles? „Die Arbeit des deutschen Seenotrettungsdienstes wird ausschließlich durch Spenden und freiwillige Zuwendungen finanziert“, betont die DGzRS. Dazu zählt sie allerdings auch Bußgelder aus eingestellten Strafverfahren, fast 400.000 Euro pro Jahr. Das Freiwillige daran, sagt Sprecher Christian Stipeldey, sei die Entscheidung der Richter, diese Geldauflagen an die DGzRS und nicht an andere Institutionen fließen zu lassen.

In den Fünfzigerjahren gab es auch schon mal Staatszuschüsse für den Wiederaufbau der Rettungsflotte: 600 000 Mark flossen damals in die Kasse. Weitere Gelder nimmt die Gesellschaft ein, wenn sie Kranke von Inseln zu Festlandkliniken bringt; das zahlen die Krankenkassen. Oder wenn sie technische Hilfe leistet, zum Beispiel havarierte Boote abschleppt. Das bringt allerdings nur höchstens 400 Euro pro Einsatz - nicht viel angesichts eines Jahresetats von 36 Millionen Euro. Die DGzRS versichert jedenfalls: Nur zusätzliche Aufgaben würden in Rechnung gestellt, der Kernauftrag bleibe gebührenfrei - die Suche und Rettung von Menschen in Seenot.

Von Eckhard Stengel

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