Domsanierung

Die Leere der Kirche

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„Wir sind inzwischen beim Endspurt“: Weihbischof Hans-Georg Koitz ist der Hausherr im Dom – und der Manager des kostspieligen Projekts.von Ditfurth

Hildesheim - In Hildesheim geht die Sanierung des Doms auf die Zielgerade. Nach gut vier Jahren Bauzeit wird der Dom im Sommer wieder eröffnet ein kostspieliges Projekt, aber ohne Skandale wie in Limburg. Ein Kirchenbesuch.

Hohl hallt es durch die Kirche, wenn er auf die hölzerne Kiste klopft. Rund 120 Millionen Jahre alt ist das Dolomitgestein darin, das zum Schutz noch von Brettern ummantelt ist. Als wär’s ein Stück vom Anbeginn der Schöpfung, so mächtig liegt der fast zwei Meter lange Block im Zentrum des Domes. „Der Künstler Ulrich Rückriem hat diesen neuen Altar geschaffen“, sagt Hans-Georg Koitz. „Es hat acht Stunden gedauert, den fünf Tonnen schweren Stein hier aufzustellen.“

Der Weihbischof lässt den Blick durch die Kirche schweifen. Es ist ein Blick über die wohl prominenteste Baustelle Niedersachsens; schließlich ist der Dom eine Art spirituelle Zentralanlaufstelle für die gut 600 000 Katholiken des Bistums. Überall stehen Paletten und Gerüste herum, Arbeiter schleppen Werkzeuge, und seitlich vom Altar intoniert der Orgelbauer die neue Chororgel. Immer wieder spielt er Akkorde an, die dann im Kirchenschiff verklingen.

„Wir sind inzwischen beim Endspurt“, sagt Koitz. Nach gut vier Jahren wird der Dom im Sommer wieder eröffnet. Am 15. August, Schlag 17 Uhr, wird der Bischof mit seinem Stab symbolisch an die berühmte Bernwardstür pochen, um Einlass zu begehren - in ein völlig saniertes Gotteshaus. Der Fußboden, der nach dem Krieg mit Trümmerschutt aufgefüllt worden war, wurde wieder um 70 Zentimeter abgesenkt. Den gesamten Innenputz haben die Bauarbeiter erneuert, die Heizung modernisiert und rund 16 Kilometer Kabel verlegt. Ganz nebenbei gruben Forscher noch Reste der ersten Kapelle aus, die um 815 n. Chr. hier stand.

„Derzeit arbeiten wir an der Krypta und der neu angelegten Bischofsgruft“, sagt Weihbischof Koitz. Noch in diesem Jahr soll der 2010 verstorbene Bischof Josef Homeyer hierher umgebettet werden: „Dann sind noch 21 Grablegen frei - das dürfte für etwa 300 Jahre reichen“, rechnet Koitz vor. Kirchenleute denken eben in Jahrhunderten.

Man sieht dem Mann, der als Domdechant hier der Hausherr ist, nicht an, dass er selbst bald 79 Jahre alt wird. Flink springt er über die Baustelle, begrüßt jeden Arbeiter mit Namen und Handschlag. Die Domsanierung ist das Altersprojekt des Weihbischofs, der eigentlich längst im Ruhestand ist. „Ich mache das gern“, sagt er. Dabei hatte er Tränen in den Augen, als der Dom im Januar 2010 feierlich geschlossen und zur Baustelle erklärt wurde. „Ich wusste ja nicht, ob ich die Wiedereröffnung meines Domes noch erleben würde“, sagt er.

Seither hat er 400 Führungen durch den Dom gemacht, die Baustelle wurde praktisch sein Zuhause. Sein größter Moment in dieser Zeit? „Als der Dom total leer war. Ohne Altar, ohne Statuen, ohne Bänke.“ Koitz überlegt kurz: „Mich hat die Weite überrascht, die Offenheit, die in der Kirche steckte und die nun zum Vorschein kam“, sagt er doppelsinnig.

Unumstritten war das Projekt angesichts der Schließung kleiner Kirchen im Bistum nicht; Gläubige prangerten anfangs Hildesheimer Zentralismus an und sprachen von einem Prestigeprojekt. Und dann wuchsen auch noch die Baukosten: Im Jahr 2009 veranschlagte das Bistum diese noch auf rund 30 Millionen, inzwischen liegen sie bei 35,6 Millionen Euro. Kostspielige bischöfliche Bauprojekte, werden in Deutschland seit der Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst besonders skeptisch beäugt. Unmöglich sind sie jedoch nicht, wenn sie gut begründet sind.

In Hildesheim blieb der Skandal aus, das Gros der Gläubigen trägt die Domsanierung inzwischen mit: Ein rühriger Dombauverein und die Spendensammler des Bistums haben mehr als zwei Millionen Euro zusammengebracht. „Wir haben unsere Kalkulation von Anfang an veröffentlicht“, sagt Koitz. Im Internet erklärte das Bistum auf der Seite www.domsanierung.de minutiös, warum die Sanierung unumgänglich war, um das Unesco-Weltkulturerbe zu erhalten. Und es erläuterte die Kostensteigerung: So habe der Wandputz entgegen erster Planungen komplett ersetzt werden müssen, und dank der Konjunkturpakete des Bundes kam die Neupflasterung des Domhofes als zusätzlicher Posten hinzu. „Hildesheim ist nicht Limburg“, sagt Weihbischof Koitz. Er klingt schon ein bisschen erleichtert dabei.

Der Domdechant blickt vom Altar durchs Kirchenschiff: „Dort drüben wird bald wieder die Christussäule stehen“, sagt er. Das rund 1000 Jahre alte Bronzestück ist derzeit noch in die nahe Michaeliskirche ausgelagert. Andere Kunstschätze werden noch restauriert, ehe auch sie zurückkehren. Und sechs neu gegossene Glocken bekommt der Dom auch. „Die Kirchenmusiker sagen, dass wir hier dann das vollste Glockengeläut Niedersachsens haben werden“, sagt Koitz. Noch ein Superlativ für den alten, neuen Dom.

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