Religionsmüdigkeit

Leere Stühle in Synagogen

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Foto: Die Zahl jüdischer Gemeindemitglieder in Niedersachsen und Bremen ist im vergangenen Jahr leicht gesunken.

Hannover - Die jüdischen Gemeinden stehen nach einem Boom durch den Zuzug aus dem Osten vor einem Mitgliederrückgang. Überalterung aber auch Religionsmüdigkeit sind Ursachen. In den Synagogen wird nun auf ein attraktiveres Gemeindeleben und Angebote für den Nachwuchs gesetzt.

Dank des Zuzugs aus der ehemaligen Sowjetunion wuchsen die jüdischen Gemeinden in den neunziger Jahren auch in Niedersachsen kräftig an. Neue Synagogen wurden gebaut und das jüdische Leben blühte auf. Seit einiger Zeit aber schrumpft die Zahl der Mitglieder wieder und auch die jüngste Statistik verzeichnet einen leichten Rückgang. Neben einer Überalterung machen den Gemeinden ähnlich wie den Kirchen fehlender Nachwuchs, Austritte und ein Desinteresse junger Menschen an der Religion zu schaffen. "Es gibt keinen Nachzug mehr aus dem Osten", sagt der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst. "Wir bekommen keine neuen Mitglieder mehr." Einzig die Kinder junger jüdischer Familien stärkten nun die Gemeinden. Viele der Juden aus dem Osten seien ohne Kinder gekommen und inzwischen in hohem Alter. Zugleich gebe es auch Austritte aus den Gemeinden, weil Mitglieder das Kultus- oder Synagogengeld nicht mehr zahlen wollten. "Die Attraktivität der Gemeinden wird nicht gesehen", manchmal sei auch Ärger in der Gemeinde Auslöser für einen Rückzug. "Wir müssen ganz viel tun und das fängt bei den Kleinkindern an", sagt Fürst zur Nachwuchsgewinnung. Mit Krabbelgruppen, Kindertagesstätten sowie einer Jugendarbeit und Sonntagsschulen versuchten die Gemeinden, dem jüdischen Nachwuchs eine Heimat zu geben. Junge Sozialarbeiter und Rabbiner seien dafür eingestellt worden. Auch der Landesverband der liberalen Gemeinden setzt auf die Förderung des Nachwuchses. Mit einer Krabbelgruppe, einer Kita, einem Jugendzentrum und dem Angebot "Jung und Jüdisch" für 18 bis 35-Jährige etwa kümmert sich die Gemeinde in Hannover um junge Mitglieder. "Das wird schon gut angenommen, wir haben guten Zulauf", berichtet die Landesverbandsvorsitzende Katarina Seidler. Wie aus der neuen Statistik der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland hervorgeht, zählten die Gemeinden in Niedersachsen Ende vergangenen Jahres 8193 Mitglieder, im Vorjahr waren es noch 8245. In Bremen sank die Zahl von 972 auf 962. Bundesweit gibt es seit 2006 einen Rückgang. Wurden damals noch 107 794 Mitglieder erfasst, waren es Ende 2013 nur noch 101 338. Das mit Abstand größte Zentrum jüdischen Lebens in Niedersachsen ist Hannover, neben der Hauptgemeinde mit 4431 und der liberalen Gemeinde mit 729 Mitgliedern gibt es dort auch die deutschlandweite Zentrale der bucharischen Juden mit 278 Mitgliedern. Die jüdische Gemeinde in Osnabrück zählt 1063 Mitglieder, die in Oldenburg 325 und die in Braunschweig 310 Mitglieder. Mit 195 Gläubigen gibt es in Hameln die zweitgrößte liberale Gemeinde in Niedersachsen.Niedersachsen stärkte der jüdischen Gemeinschaft erst im September mit einem neuen Staatsvertrag den Rücken. Seitdem gehen rund 2,31 Millionen Euro pro Jahr an den Landesverband der Jüdischen Gemeinden. Der Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden bekommt 375 000 Euro jährlich. Zuletzt hatte der größere Verband 1,25 Millionen Euro und der liberale Zusammenschluss 300 000 Euro erhalten. Von dem Geld können mehr Rabbiner, Kantoren und Sozialarbeiter verpflichtet werden. Benötigt werden diese für die enorme Integrationsarbeit, die die Gemeinden für die Zuwanderer aus dem Osten nach wie vor leisten und andererseits für die Unterstützung jungen jüdischen Lebens.

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