Unterstützte Fahndung

Lehrer sollen bei Suche nach Missbrauchsopfern helfen

Hannover - Lehrer in ganz Deutschland sind derzeit aufgerufen, das Bundeskriminalamt bei den Ermittlungen gegen Kinderschänder zu unterstützen. In Niedersachsen wurden vom Kultusministerium Bilddateien mit vermutlich deutschen Missbrauchsopfern versandt.

Lehrer in ganz Deutschland sind derzeit aufgerufen, das Bundeskriminalamt bei den Ermittlungen gegen Kinderschänder zu unterstützen. In Niedersachsen haben daher alle weiterführenden Schulen aus dem Kultusministerium in Hannover eine E-Mail mit Bilddateien von vermutlich deutschen Missbrauchsopfern erhalten. Entsprechende Informationen der HAZ und der „Schaumburger Nachrichten“ bestätigte am Freitag eine Sprecherin von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). In anderen Bundesländern wird ähnlich verfahren. Zum Teil gehen aber auch Beamte des Bundeskriminalamts mit den Fotos in die Schulen, etwa in Nordrhein-Westfalen.

Die Ermittlungen leitet eine auf Internetkriminalität spezialisierte und in Gießen ansässige Einheit der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Die Lehrer sollen dabei helfen, drei Kinder zu identifizieren, wie Oberstaatsanwältin Susanne Winter der HAZ sagte. „Den Verdächtigen wird schwerer sexueller Missbrauch von Kindern sowie die ­Herstellung und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vorgeworfen.“ Weitere Angaben zu den Verdächtigen wollte sie aus ermittlungstaktischen Gründen nicht machen. Nach Informationen der HAZ soll bereits ein Opfer identifiziert worden sein – dies wurde jedoch nicht bestätigt.

Die Mail aus dem Kultusministerium enthält einen verschlüsselten Internetverweis zu den Fotos, die sich die Lehrer auf einem Schulrechner ansehen sollen. Sie zeigen keine Missbrauchssituationen, sondern ausschließlich Ausschnitte mit den Gesichtern. Für die Lehrer ist dies nach den Worten von Beate Günther trotzdem ein erschreckender Anblick: „Es ist eine Mail, die einen in Angst und Schrecken versetzt“, sagte die Sprecherin der hannoverschen Gymnasien und Leiterin der Schillerschule. „Da wird ein Verbrechen plötzlich konkret und real. Hinter jedem dieser Gesichter steckt eine tragische Geschichte.“

Die Bilder müssen nach dem Betrachten gelöscht werden, dürfen nicht weitergeleitet und nicht ausgedruckt werden. Nur die Schulleitung kann auf die passwortgeschützten Fotos zugreifen. „Uns ist der Opferschutz und der Datenschutz sehr wichtig“, sagte die Ministeriumssprecherin.

Die auf den Bildern dokumentierten Taten liegen bereits mehrere Jahre zurück. Die Fotos werden aber offenbar weiter im Internet getauscht. Das Bundeskriminalamt hat die Bilddateien von der amerikanischen Bundespolizei FBI, dem bayerischen Landeskriminalamt sowie der vom Verband der deutschen Internetwirtschaft eingerichteten Beschwerdestelle „eco“ erhalten.

Die sogenannte Schulfahndung ist ungewöhnlich und wird nur selten und in besonders schwerwiegenden Fällen genutzt, wenn andere Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Im vergangenen Herbst hat das Bundeskriminalamt auf diese Art einen 49 Jahre alten Deutschen in Österreich aufgespürt. Er wird beschuldigt, seinen siebenjährigen Sohn schwer sexuell missbraucht zu haben. Er soll die Missbrauchsbilder auch im Internet verbreitet haben. Der Mann wurde im vergangenen Oktober festgenommen, nachdem ein Lehrer aus Niederbayern seinen Schüler erkannt hatte. Auch damals waren Lehrer in Niedersachsen aufgefordert, sich an der Identifizierung zu beteiligen.

Von Karl Doeleke, Verena Insinger und Saskia Döhner

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