Atomkraftwerk Würgassen

Der Letzte macht das Licht aus

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„Wie Rückbau geht, das wissen wir“: Das Atomkraftwerk Würgassen war der erste kommerziell genutzte Meiler. Sein Abbruch gilt als Pioniertat.

Würgassen - Das erste kommerziell genutzte Atomkraftwerk ist in 17 Jahren mit großer Akribie entkernt worden – Würgassen an der Oberweser. Nun ist das Kraftwerk komplett abgebaut. Mehr als eine Milliarde Euro hat das Projekt e.on gekostet.

Mit „Kraftwerksleiter a. D.“ stellt sich Manfred Winnefeld vor. Denn das hohe Gebäude, das sich hinter ihm in den herbstlichen Himmel reckt, ist kein Kraftwerk mehr, sondern eine schlichte Hülle puren Betons. Seit ein paar Tagen ist Winnefeld, ein gelernter Maschinenbauer, der 1990 auf die Anlage kam, Pensionär und nur noch Berater. Seine Mission ist erledigt. Das Kraftwerk ist komplett abgebaut. Selbst die Fahrstühle sind raus, wie überhaupt alles, das irgendwie radioaktiv belastet sein könnte. Jeder Meter des Kraftwerks a. D. ist „ausgemessen“, auf mögliche Radioaktivität hin überprüft. Überall finden sich Beweise dafür, Zahlen und Zeichen, die Graffiti der Atomrückbauer.

Selbst auf den Gehwegplatten, die zum Eingangstor führen. „Weil es keine Fahr­stühle mehr gibt, müssen Sie sehr viele Treppen steigen“, sagt Winnefeld und empfiehlt, eine Taschenlampe mitzunehmen. Wie hieß es noch? Der Letzte macht das Licht aus? Es sind nur noch ganz wenige hier.

Die großen Kühltürme an der Oberweser sind schon lange abgebaut, die zeigten, dass hier im Dreiländereck zwischen Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen das erste kommerziell genutzte Kernkraftwerk Deutschlands stand. 23 Jahre lieferte das Kraftwerk Würgassen bei Beverungen an der Oberweser Strom. 1995 entschloss sich die PreussenElektra (heute e.on), ihren Meiler stillzulegen. Ursache seien Haarrissbefunde am Kernmantel gewesen, die bei Ultraschallprüfungen während der Revision entdeckt wurden, erläutert Ralf Güldner, Chef der e.on Kernkraft. Die Anlage sei so nicht mehr wirtschaftlich gewesen. Drei Jahre hatte der Bau des Kernkraftwerkes gebraucht, 17 Jahre dauerte der Rückbau des ersten kommerziell genutzten Meilers. „Insofern ist Würgassen ein Vorreiter“, sagt Güldner. „Rückbau“ ist ein schlichtes Wort für eine mühsame, schwierige, langwierige, aber auch aufschlussreiche technische Leistung. Denn bis auf den ­e.on-Chef strahlt an diesem Herbsttag auf dem riesigen Gelände nichts - vom Zwischenlager für den schwach- und mittelradioaktiven Müll einmal abgesehen.

„Wie Rückbau geht, das wissen wir“

So wirkt es fast wie ein Ritual aus alten Betriebszeiten, dass jeder Besucher, den Winnefeld durch die hohen, von Turbinen, Leitungen, Reaktorfluträumen und Sicherheitsbehältern befreiten Räume führt, ein Dosimeter umgehängt bekommt. „Das war schon ein Riesenaufwand, 640 Räume freizumessen“, sagt der frühere Kraftwerksleiter und geht durch den lang gezogenen Raum, in dem sich einst die Turbinen drehten, weiter durch den Maschinenraum des einstigen Siedewasserreaktors, der wesentlich schwieriger „rückzubauen“ war als die neueren Druckwasserreaktoren. Mehr als eine Milliarde Euro hat das Projekt e.on gekostet. „Wie Rückbau geht, das wissen wir“, sagt der Chef.

Schließlich seien die Erfahrungen, die man hier in Würgassen gesammelt habe, in den Rückbau des Werkes Stade gegangen und würden auch beim geplanten Rückbau der 2011 stillgelegten Werke Unterweser und Isar 1 eingehen.

Mit großer Fantasie und diamantbesetzten Seilsägen wurde hier über und unter Wasser zertrümmert, was früher der Stolz der Techniker war. „Von 455.000 Tonnen Rückbaumasse fallen nur etwa 5000 Tonnen radioaktiver Abfall an“, rechnet Güldner vor. Und strahlt.

Michael B. Berger

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