Obdachlos

Der Lieferwagen ist ihr Zuhause

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Leben im Auto: Charlotte hortet ihr Hab und Gut im Wagen auf der Autobahnraststätte.

Göttingen - Charlotte K. lebt in einem Lieferwagen an der Autobahn. Seit drei Jahren ist ihr Fahrersitz ihr Zuhause. Mit anderen Menschen hat die 62-Jährige nicht so viel zu tun.

Ferienzeit, Reisezeit. Tausende Urlauber halten sich täglich auf der Autobahnraststätte auf. Alle reisen weiter, fast alle. Nicht Charlotte K. Sie bleibt, so wie sie die letzten drei Jahre geblieben ist. Die 62-Jährige lebt an der Autobahn - im Lieferwagen. Seit neun Jahren ist der Fahrersitz ihr Zuhause, und hinter ihr türmt sich ihr Leben auf.

Charlotte K. spricht leise. Sie ist Unterhaltungen nicht gewöhnt. An der Wasserflasche nippt sie nur. Sie ist genügsam geworden. Ob sie sich wohl fühlt in diesem Leben? „Was ist das schon für ein Leben?“, fragt sie zurück. Aber sie ändert auch nichts. Wie auch, fragt sie. In ihre Vergangenheit will sie nicht zurück, dabei dreht sich ihr Denken fast nur um die Vergangenheit. Sie hadert mit dem Erlebten. Ihr Wohnraum ist sehr übersichtlich - der Fahrersitz. Hier schläft sie, hier verbringt sie den Tag, hier kocht sie, wenn es draußen kalt ist. Mehr Platz bietet ihr großer Lieferwagen nicht mehr, weil alles, was sie noch lesen möchte oder eventuell einmal gebrauchen kann, den restlichen Raum einnimmt. Die Marmelade fürs Brötchen, die Gurke fürs Mittagessen, die angebrochene Wasserflasche liegen dicht unter dem Autodach.

Dabei hat die 62-Jährige ein Zuhause, das sie heute noch so nennt, obwohl sie es seit 2003 nicht mehr gesehen hat. Es ist ein Bauernhof mit einigen Hektar Land im Kreis Osnabrück, südlich des Dümmer. Dort ist sie aufgewachsen, dort hat sie ihre Eltern verloren und von dort ist sie „geflohen“.

Warum? Weil einige hundert Meter entfernt eine Neubausiedlung entstand. Ihre Befürchtungen sind danach wahr geworden. Die Kinder, so sagt sie, seien in den Garten gekommen, hätten ihr die Scheiben eingeworfen, Türen eingetreten. Auch sei eingebrochen worden. 2001, als sie verreist war, habe die Polizei nach einem Einbruch alle kaputten Fenster mit Brettern vernagelt.

Der Polizeieinsatz und ihre Klagen über die neuen Nachbarn hatten Folgen: Sie sollte einem Psychiater vorgestellt werden. Dem hat sie sich verweigert - und tut es bis heute. 2003 hat sie ihren alten Golf vollgepackt, den Hund mitgenommen und ist losgefahren, um bei Frankfurt den Rechtsanwalt Michel Friedmann zu suchen. Der, sagt sie, sollte ihr helfen. Doch damals sei Friedmann mit Kokain und Prostituierten in die Schlagzeilen geraten und sei als Hilfe nicht mehr infrage gekommen. Seitdem irrt Charlotte K. im Auto durch die Republik. In Oberstdorf war sie, wo sie einst einen medizinischen Beruf erlernte, nach Dänemark trieb es sie, in Leipzig lebte sie auf einem Campingplatz, und in Landsberg stand sie jahrelang auf einer Autobahnraststätte.

Ihr Hund ist mittlerweile gestorben, den Golf hat sie gegen den Lieferwagen getauscht, ihre Gesundheit ist inzwischen ruiniert: Allergien, Schuppenflechte, Gallenleiden. Nach Göttingen ist sie im Oktober 2009 aus gesundheitlichen Gründen gekommen. In einer Zeitung - sie liest gern - fand sie einen Bericht über eine Therapie im Krankenhaus Neumariahilf. Hier angekommen, musste sie als Notfall operiert werden.

Seitdem achtet sie darauf, stets ihre Krankenversicherung zu zahlen. Ebenso zuverlässig ist sie bei der Steuer. Pünktlich fertigt sie auf ihrem Fahrersitz die Steuererklärung.

Wovon sie lebt? Vom Ersparten und den Pachteinnahmen des Hofes. Keinen Cent Hilfe nimmt sie an. Sozialhilfe würde sie auch nicht bekommen, sie ist ja Immobilienbesitzerin. Den Hof, der immer stärker verfällt, mindestens aber den landschaftstypischen Fachwerkstall, hätte sie längst verkaufen und eine kleine Wohnung erwerben können, sagt der Bürgermeister ihres Heimatdorfes. Ihm hat sie 2011 einen 14 Seiten langen Brief geschrieben, in dem sie alles ausbreitet, was schuld sein soll an ihrer Lage. Die Antwort kam postlagernd: Sie möge kommen und sich um den Hof kümmern, der zum Schandfleck verkommen sei. Nur dann könne man helfen. Genauso sehen es Schulkameraden, von denen keiner weiß, wo Charlotte heute lebt. 20, 30 Jahre habe man sie nicht gesehen.

Kontakt hat die einsame Parkplatzbewohnerin heute nur mit dem sozialpsychiatrischen Dienst, den sie regelmäßig aufsucht. Die Autobahnpolizei hat sie anfangs einige Male überprüft, danach in Ruhe gelassen. Das war nicht immer so. Auf einer Rastanlage bei Wismar wurde sie 2006 mehrfach kontrolliert. Nach einigen Tage kam ein Krankentransporter. Mit Gewalt und in der Zwangsjacke wurde sie in eine Klinik gebracht. Am nächsten Tag war klar: Sie gefährdet weder sich noch Fremde. Es gibt keinen Grund sie festzuhalten. Jeden Kontakt mit einem Psychiater lehnt sie ab. Sie will frei sein.

Aber ist sie frei? Die Vergangenheit lastet auf ihr. Sie ist fest davon überzeugt, dass jene Familie G., bei der sie als 16-Jährige Kindermädchen war, noch heute ihr Leben bestimmt. Überall wittert sie Spitzel der G.s, glaubt, Ärzte oder Polizisten steckten mit ihnen unter einer Decke. Dieses dauernde Denken an die G.s zwängt sie ein, so wie all das, was sie nicht wegwerfen kann, sie in ihrem Auto auf den Überlebensraum Fahrersitz reduziert - bei Hitze und Kälte, bei Regen und Schnee. Hier fühlt sie sich immerhin sicher.

Sie hat das Grundgesetz auf dem Armaturenbrett liegen. Das schütze sie, sagt sie. Und wenn nun, nachdem ihr Leben in der Zeitung stand, andere Medien, Neugierige oder gar Psychiater kommen? Dann gibt es andere Autobahnraststätten. Sie möchte in Ruhe gelassen werden. Die G.s belasten sie genug.

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