Universitätsklinik Ulm untersucht

Long-Covid schlimmer als gedacht: Organversagen als Spätfolge

Über die Spätfolgen von Corona wird immer mehr bekannt. Neuste Erkenntnisse aus Ulm bereiten große Sorgen. Vor allem Sportler rücken dabei in den Fokus.

Ulm – Immer wieder liest man im Zusammenhang mit Corona dieses eine Wort: Genesen. Doch wer eine Erkrankung hinter sich hat, ist in vielen Fällen alles andere als gesund. Die Spätfolgen von Covid-19 rücken immer mehr in den Vordergrund, da sie im zeitlichen Verlauf der Corona-Pandemie immer öfter festgestellt wurden. Das sogenannte Long-Covid-Syndrom. Ein Forschungsprojekt der Universitätsklinik Ulm beschäftigt sich bereits seit Februar mit den Langzeitfolgen einer Erkrankung im zusammenhang mit Sars-Cov-2.

KrankenhausUniversitätsklinik Ulm
AdresseAlbert-Einstein-Allee 23, 89081 Ulm
Betten1.264
Mitarbeiter6.400

Dazu hatten die Spezialisten für innere Medizin der Uniklinik Ulm im Februar eine Sprechstunde für betroffene Personen angeboten. Dieses Angebot wurde laut dem betreuenden Oberarzt Dominik Buckert „gigantisch angenommen“. In der ersten Woche habe es über 1000 Anfragen gegeben. Die meisten Patienten würden aus der Region kommen, jedoch seien auch Anfragen aus dem Norden – darunter auch Hamburg – und der Schweiz gekommen.

Erschreckende Zwischenbilanz der Long-Covid-Studie: 20 Prozent aller Patienten weisen Organschäden auf

Die jüngsten Personen seien 20 Jahre alt, die von Long-Covid betroffen sind und an der Sprechstunde in der Uniklinik teilnehmen wollten. Überwiegend kommen Männer zwischen 40 und 50 Jahren zu den Sprechstunden. Die erste Zwischenbilanz sei deutlich: 20 Prozent aller Patienten hätten Organschäden. Der größte Teil fühle sich schlechter als vor der Erkrankung, habe aber keine Schäden an Organen, ordnete Buckert die Ergebnisse ein. „Und eigentlich verhältnismäßig gesund, also ohne chronische Vorerkrankungen“, so der Oberarzt.

Die Universitätsklinik Ulm beschäftigt sich mit den Folgen von Long-Covid.

Uniklinik Ulm zu den Spätfolgen von Corona: Überdurchschnittlich viele Sportler spüren die Folgen von Long-Covid

Zudem seien überdurchschnittliche viele Sportler dabei. Insbesondere bei Sportlern sei das Körpergefühl ein ganz anderes und deshalb sei die Wahrnehmung von Einbußen bei ihnen auch stärker ausgeprägt, erklärt sich Buckert das. Er teilt die Patienten der Studie über Spätfolgen von Corona grob in drei Gruppen ein.

Eine Gruppe sei vor allem verunsichert und habe Angst vor möglichen Folgen der Erkrankung. Eine andere habe sich während der Pandemie deutlich weniger bewegt und merke deshalb Leistungseinbußen, sagt Buckert. „Und bei einer dritten Gruppe stellen wir ernste Schäden an den Organen fest.“ Im Einzelfall ließen sich diese Gruppen natürlich nicht so leicht trennen.

Fußball-Profi löst Vertrag aufgrund der Folgen von Long-Covid auf

Sogar der frühere Borussia-Dortmund-Profi Marco Stiepermann hat seinen Vertrag beim Premier-League-Aufsteiger Norwich City wegen einer Long-Covid-Erkrankung vorzeitig aufgelöst. „In der hohen Belastungsphase während der Spiele und des Trainings bekam ich immer wieder Schwindelanfälle. Ein halbes Jahr lang wusste ich nicht, was mit mir los war und niemand konnte mir helfen“, sagte Stiepermann in einem Interview.

Marco Stiepermann hat seinen Vertrag bei Norwich City aufgrund von körperlichen Beschwerden durch Long-Covid aufgelöst.

„Die Ärzte gehen davon aus, dass ich unter Long Covid, also den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion, leide“, sagte der 30 Jahre alte Fußballprofi. Immer wieder habe er an Schwindel, starken Kopfschmerzen und Erschöpfung gelitten. Er lasse sich von einem Mediziner regelmäßig behandeln. Dadurch fühle er sich schon besser.

Die Verantwortlichen von Norwich hatten ihm mitgeteilt, sagte Stiepermann, dass es wegen seiner Beschwerden schwierig sei, Spielzeit zu bekommen. „Ich wollte den Vertrag nicht aussitzen, sondern wieder richtig gesund werden und dann neu angreifen“, erklärte Stiepermann, der mit Norwich zum zweiten Mal in die englische Premier League aufgestiegen war.

Long-Covid bringt vielfältige Beschwerden als Corona-Spätfolgen

Die Beschwerden sind bei den Corona-Spätfolgen vielfältig. Zum einen berichteten die Patienten von neurologischen Beschwerden wie Wortfindungsschwierigkeiten, Geschmacksstörungen oder Nervenschmerzen und Taubheit, sagt der Mediziner. Aber auch Luftnot, vor allem unter Belastung, und physische Leistungseinbußen gehörten zu Long-Covid-Symptomen dazu.

Bei neurologischen Beschwerden verweisen Buckert und seine Kollegen an andere Experten im Haus, da sie sich auf Lungen- und Herzerkrankungen konzentrieren. Doch auch mit Fokus allein auf dieses Fachgebiet sagt Buckert zu Covid-19: „Wir sind immer noch dabei zu verstehen, was wir da vor uns haben.“

„Wir sind immer noch dabei zu verstehen, was wir da vor uns haben.“

 Oberarzt Dominik Buckert

Um den Beschwerden der Patienten auf den Grund zu gehen, untersuchen die Ärzte der Ulmer Covid-Sprechstunde die Patienten Schritt für Schritt. Was etwa mit einer Blutuntersuchung, einem Ultraschall des Herzen und einem Lungenfunktionstest beginnt, wird je nach Befund beispielsweise mit einer Kernspintomographie des Herzen und individuellen Nachuntersuchungen fortgesetzt.

Corona-Spätfolgen: Herzmuskelentzündungen sind ein häufig auftretendes Long-Covid-Symptom

Bei den rund 20 Prozent der Patienten mit Organschäden beobachten die Ärzte vor allem Herzmuskelentzündungen und die Folgen davon. Dazu gehörten etwa Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen, so Buckert. „Bei der Lunge beobachten wir, dass sich das Lungengerüst verändert und so ein schlechterer Gasaustausch möglich ist.“ Atemnot sei die Folge der Corona.-Spätfolgen. Durch Long-Covid drohe zudem ein Reha-Chaos.

Der Internist Dominik Buckert hört in der Corona-Ambulanz des Universitätsklinikums mit einem Stethoskop die Lunge eines Patienten ab.

Die bisherigen Erkenntnisse des Ulmer Forschungsprojekts mit ihrem Fokus auf Herz- und Lungenschäden decken nur einen Teil der Corona-Langzeitfolgen ab und sind erst der Beginn der tiefer gehenden Auseinandersetzung mit diesem Thema der Corona-Spätfolgen, das Mediziner auch als Long-Covid- oder Post-Covid-Syndrom bezeichnen.

Ulmer Studie zu Corona-Spätfolgen: „Durchaus Repräsentativ“

Buckert betont dabei die Wichtigkeit des Austauschs mit anderen Kliniken zu Corona-Spätfolgen. Deren Rückmeldungen deckten sich mit dem, was sie bislang an Long-Covid-Erkenntnissen gewonnen hätten. Zudem deuteten die Rückmeldungen darauf hin, dass die ersten Erkenntnisse der Ulmer Mediziner durchaus repräsentativ seien, sagt Buckert.

Die Relevanz des Themas hat auch die Landesregierung erkannt. Sie möchte die Erforschung von Corona-Spätfolgen mit rund 2,3 Millionen Euro fördern. Die Gelder sollen an die vier Unikliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm gehen, um die gemeinsame Erforschung von Long-Covid voranzutreiben. Buckert und seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten indes daran, die Erkenntnisse der Ulmer Sprechstunde in einer Studie zu verarbeiten.

Damit die Corona-Spätfolgen für Genesene am Ende auch eine effiziente und effektive Behandlung erhalten. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Christoph Schmidt

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