Anklage gegen Verantwortliche

Wie die Loveparade-Katastrophe nachwirkt

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Foto: An die Wand gemalte Figuren erinnern im Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg an die Toten bei der Loveparade. 21 Menschen starben am 24. Juli 2010 im Massengedränge auf dem Zuweg zu dem Technofest-Gelände.

Duisburg - Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg. An einer Unterführung auf dem Weg zum Veranstaltungsort kommt es zur Massenpanik. 21 junge Menschen sterben. Und die Katastrophe wirkt bis heute nach. In Kürze wird mit einer Anklage gegen zehn Verantwortliche gerechnet.

Die Duisburger Loveparade-Katastrophe vor dreieinhalb Jahren mit 21 Toten und Hunderten Verletzten hat viele Wunden hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind. Hinterbliebene und Traumatisierte kämpfen weiter für Gerechtigkeit. Medienberichten zufolge steht die Anklageerhebung gegen zehn Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters Lopavent kurz bevor.

Wie geht es den Angehörigen der Opfer?

Kerzen und Geschenke an der Gedenkstätte am Unglücksort zeigen, wie lebendig Erinnerung und Trauer sind. Der als Ombudsmann eingesetzte Seelsorger Jürgen Widera glaubt, die Aufarbeitung in den Familien werde auch durch das lange Warten auf einen Prozess gebremst. „Bei vielen ist der Wunsch da, wieder ein bisschen zur Ruhe zu kommen“, sagt Widera. Ein Prozess könnte klären, wie es zur Katastrophe kam. „Eine solche Antwort ist wesentlicher Teil der Trauerbewältigung“.

Was ist mit den Menschen, die im Gedränge traumatisiert wurden?

„Wer da drin gesteckt hat, ist nicht ohne psychischen Schaden herausgekommen“, sagt Widera. Nur das Ausmaß der Verletzungen sei verschieden. Bis heute wenden sich regelmäßig Menschen an ihn, die aufgrund seelischer Verletzungen Schwierigkeiten haben, ins normale Leben zurückzukehren. Bei anderen breche das verarbeitet geglaubte Trauma immer wieder durch. Ähnliches berichtet auch Anwältin Bärbel Schönhof, die seit einigen Monaten 30 Loveparade-Opfer vertritt. „Manche von ihnen werden nie wieder ein normales Leben führen können.“ Sie könnten nicht mehr arbeiten, gerieten schon in der Supermarktschlange in Panik, fürchteten sich in engen Räumen.

Welche finanziellen Hilfen und Entschädigungen gibt es?

Nach der Katastrophe richtete Nordrhein-Westfalen einen Notfallfonds ein. Zwei Millionen Euro wurden an Hinterbliebene und Verletzte gezahlt. Auch der Haftpflichtversicherer desVeranstalters trat schon vor einem absehbar langwierigen Gerichtsverfahren in Vorleistung. Gut 500 Betroffene hätten sich gemeldet, teilt die Axa-Versicherung mit. Ihre Ansprüche reichen von kleinen Sach- bis zu schweren Personenschäden. Anwälte kritisieren die Versicherung: „Bislang bietet sie Minimalentschädigungen als Vergleich an, die bei weitem nicht reichen“, sagt Schönhof. Statt angebotener Entschädigungen bis 10.000 Euro wolle sie für einige Mandanten 300.000 Euro erstreiten.

Was sagt der Haftpflichtversicherer dazu?

Die Axa-Versicherung erklärt, drei Viertel aller Fälle seien einvernehmlich reguliert worden. „Dafür gelten dieselben objektiven Kriterien, die gelten würden, wenn einer oder mehrere Verantwortliche durch ein Gericht bereits verurteilt wären“, teilte ein Sprecher mit, „Wenn in einigen Fällen noch keine Zahlungen erfolgen konnten, liegt der Grund häufig darin, dass Nachweise noch nicht oder noch nicht abschließend erfolgt sind.“ Hier leiste die Versicherung allerdings Teilzahlungen. Zur Höhe der gezahlten Entschädigungen äußerte sich der Versicherer nicht.

Wie weit ist die juristische Aufarbeitung?

In einem umfangreichen Ermittlungsverfahren sind Polizei und Staatsanwaltschaft seit der Katastrophe damit beschäftigt, einen möglichen Strafrechtsprozess vorzubereiten. Medienberichten zufolge steht die Anklageerhebung gegen zehn Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters Lopavent kurz bevor. Kritisch sehen Betroffene jedoch, dass Lopavent-Chef Rainer Schaller nicht zu den Beschuldigten gehören und Polizei und leitende Stadtmitarbeiter angeblich nicht auf der Anklagebank sitzen sollen. Wann es nach einer Anklage zum Prozess kommt, ist offen. Wenn die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift einreicht, muss das Gericht zunächst die umfangreichen Unterlagen prüfen. „Kein Strafprozess vor 2015“, lautet Schönhofs Einschätzung.

Welche andere juristische Schritte sind möglich?

Außer dem Strafprozess hält Zivilrechtlerin Schönhof rechtzeitige Klagen auf Schmerzensgeld und Schadenersatz über den zivilrechtlichen Klageweg für notwendig. „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, da die wirklich Verantwortlichen sonst nicht zur Rechenschaft gezogen werden und meine Mandanten nicht ausreichend entschädigt werden“, meint die Anwältin. Im Mai will sie für 30 Mandanten Klage gegen Schaller, seine Firma, die Stadt und auch das Land NRW als Dienstchef der Polizei einreichen, sofern die Versicherung bei ihrer derzeitigen Haltung bleibe.

dpa

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