Russischer Glockenpalast in Gifhorn

Ein Luftschloss wird Wirklichkeit

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Gifhorn - Horst Wrobel baute im Herzen von Gifhorn über 16 Jahre lang an seinem russischen Glockenpalast. Nun kann der selbst finanzierte Kunstpalast besichtigt werden.

Ein bisschen skurril ist das alles schon. Auf einer kargen Wiese im Herzen Gifhorns erhebt sich ein Holzpalast, reich verziert mit goldenen Kuppeln, riesigen Heiligenbildern und bunten Fensterläden. 16 Jahre lang hat Horst Wrobel an seinem Glockenpalast gebaut – nun ist er fertig und kann besichtigt werden.

Eigentlich sollte das Bauprojekt nur zwei Jahre dauern, sagt der 78-Jährige. Aber die erhofften Zuschüsse vom Land blieben aus, und Wrobel musste seinen Kunstpalast selbst finanzieren. „Das ging dann nur Stück für Stück“, erzählt der Bauherr. Ihm gehört auch das Mühlenmuseum auf dem Nachbargrundstück, wo Besucher 50 maßstabsgetreue Mühlen ansehen können. „Jede Mark, die wir dort verdient haben, haben wir in den Glockenpalast gesteckt“, sagt Wrobel.

Zig Millionen seien das gewesen, aber genauer kann und will er die Investition nicht beziffern. Was ging, habe er selbst gemacht. Zum Beispiel die Bauzeichnungen, sie stammen allesamt aus seiner Feder. Und das obwohl Wrobel nie Architektur studiert hat, er ist gelernter Dekorateur und war lange Zeit bei Karstadt angestellt. „Aber es gibt kein Buch über russische Architektur, das ich nicht besitze“, sagt der Rentner. Außerdem seien viele der Ausstellungsstücke Geschenke. Genauso wie sein hellgelber Basthut – der stamme von einem russischen Großfürsten. Stolz zeigt Wrobel auf das Dach des herrschaftlichen Gebäudes im Stil eines altrussischen Klosters. Dort ist ein Nachbau der größten Glocke der Welt angebracht, das Original ziert den Moskauer Kreml. Verbindungen mit Russland pflegt er seit vielen Jahren. Seine größte Errungenschaft: Michail Gorbatschow ist Schirmherr des Glockenpalasts.

Der ehemalige Staatspräsident und seine Frau waren 1996 bei der Grundsteinlegung dabei, darauf ist Wrobel sehr stolz. Im Gebäude hängen viele Bilder, die ihn mit dem russischen Politiker zeigen. Eigentlich habe er gar nicht mit einer Antwort gerechnet, als er Gorbatschow Mitte der neunziger Jahre seine Idee in einem Brief schilderte. Und dann sei plötzlich das Faxgerät gegangen, und Gorbatschow habe ihn in sein Heimatland eingeladen. „Damit hatte ich nicht gerechnet, ich wäre ja schon froh gewesen, wenn ein kleiner Politiker aus Hannover uns unterstützt hätte“, sagt Wrobel.

Der Glockenpalast soll kulturellen Austausch zwischen Ost und West ermöglichen. Im Gebäude gibt es Räume, die Künstler kostenlos nutzen dürfen, sie können ihre Werke auch ausstellen. Bisher macht von dem Angebot aber nur eine Künstlerin Gebrauch, die russische Malerin Wassa Rosin. Ansonsten geht es in den Ausstellungsräumen quer durcheinander. Neben den Fotowänden über die Entstehung des Glockenpalastes ist ein Mandala von tibetischen Mönchen ausgestellt.

Ein Trakt des Gebäudes ist Albert Schweitzer gewidmet, den Wrobel sehr verehrt. In einem weiteren Raum gibt es einen Nachbau der Arche Noah zu sehen, den der Bauherr selbst in zwei Jahren filigraner Kleinarbeit zusammengesetzt hat.

Aber zurück zu den Glocken. Das Herzstück des Palasts ist eine Glockengießerei, sie ist voll funktionsfähig. Nur ein Glockengießer fehlt. „Wer das Handwerk beherrscht, kann sofort hier anfangen“, lädt Wrobel ein. Bis dahin zeigt das Museum theoretisch, wie das Gießen funktioniert. Ein Besucher schwärmt: „Das ist doch toll, dass es so etwas gibt.“ Der Rentner ist schon das zweite Mal hier.

Außer ihm und seiner Frau sind an diesem Vormittag aber nur wenige Besucher in das Museum gekommen. Auch insgesamt sind die Einnahmen bisher überschaubar. „Zurzeit können wir davon noch nicht mal das Personal bezahlen“, gibt Wrobel zu. Aber er ist zuversichtlich, dass es bald besser läuft. Das sei mit dem Mühlenmuseum damals auch so gewesen.

Glockenpalast Gifhorn, Bromer Straße 2, Dienstag bis Donnerstag und Sonnabend/Sonntag von 11 bis 16 Uhr, Erwachsene zahlen 10 Euro, Schüler ab 16 Jahre 6 Euro und Kinder bis 16 Jahre 4 Euro.

Von Anne Grüneberg

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