Moderne Supermodels

Die Mädchen ohne Gesicht

+
Kati Nescher aus München ist ein gefragtes Model.

Berlin - Die Supermodels von heute sind längst keine Stars mehr – weil die Designer anonyme Kleiderständer bevorzugen. Rund 20 Jahre nachdem Fotograf Peter Lindbergh Frauen wie Linda Evangelista und Cindy Crawford für die britische „Vogue“ fotografierte, sind die Designer zu einem neuen Minimalismus zurückkehrt.

Der Terminkalender von Kati Nescher platzt während der internationalen Modewochen aus allen Nähten. Oft bleibt keine Zeit für ein warmes Essen, tagelang geht das so. Stattdessen hetzt Nescher bis spät in die Nacht von Termin zu Termin. Shootings, Anproben, Treffen mit Agenten, und dann auch noch die Schauen. Kati Nescher ist ein modernes Supermodel, sie hat ein abgeschlossenes Jurastudium in der Tasche, einen zweijährigen Sohn in München und ist mit fast 30 Jahren für das Geschäft eigentlich viel zu alt. Trotzdem reißen sich die Designer derzeit um sie: Marc Jacobs, Vera Wang, Calvin Klein, Victoria Beckham, Gucci, Jil Sander, Chanel, Christian Dior und Valentino sind nur eine Handvoll der Kunden, auf deren Buchungsliste sie bereits stand. Berühmt ist sie deshalb noch lange nicht.

So schnell wie das Schlaglicht auf den Fashion Weeks von Kollektion zu Kollektion wandert, so eilig, wie die Modeblogger erste Bilder von den Laufstegen im Internet veröffentlichen, verblassen auch die Gesichter, die eben noch auf den Laufstegen die jüngsten Entwürfe der Couturiers präsentiert haben. Ein Topmodel mag heute noch gut verdienen. Zum Gesicht einer Kampagne werden nur die wenigsten, zum Star, der von Fremden auf der Straße erkannt wird, schafft es fast keines mehr.

Rund 20 Jahre nachdem Fotograf Peter Lindbergh Linda Evangelista, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Christy Turlington und Tatjana Patitz für die britische „Vogue“ in den Straßen New Yorks fotografierte und damit den Begriff „Supermodel“ prägte, sind die Designer zu einem neuen Minimalismus zurückkehrt. Im Mittelpunkt ihrer Kollektionen steht die Mode und kein Gesicht. Die Models werden – allen Kampagnen gegen den Magerwahn zum Trotz – immer dünner, fast so, als sollten sie gar nicht mehr da sein.

Das Referenzmedium models.com listet regelmäßig die gefragtesten Models der Branche auf. Derzeit steht die Puertoricanerin Joan Smalls auf Platz eins. Sie ist das neue Gesicht des Konzerns Estée Lauder und soll neben Modeprimus Karl Lagerfeld auch Modeexpertin und Stilikone Carine Roitfeld gefesselt haben. Aber ist sie deshalb außerhalb von Modeblogs und Branchendiensten wie „Women’s Wear Daily“ schon ein Star? Wohl kaum. Auf den weiteren Plätzen folgen die Niederländerin Saskia de Brauw, die Chinesin Liu Wen und die Estin Karmen Pedaru – alles Namen, zu denen den meisten Menschen keine Gesichter einfallen.

Lediglich die Fünftplatzierte, die Britin Cara Delevigne ist zu einer echten Prominenten geworden – allerdings weniger wegen ihrer markanten Augenbrauen als wegen ihrer ausschweifenden Partys und ihres angeblichen Drogenkonsums. Wegen ihres Lebenswandels wird sie bereits als zweite Kate Moss gehandelt – dass sie es allerdings wie diese zur Stilpatin einer ganzen Generation bringen wird, ist trotz jüngster Ambitionen in Hollywood zweifelhaft.

Märchen aus „1001 Nacht“

Andere Models fallen ausgerechnet wegen Merkmalen auf, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen – wie etwa Lindsey Wixson, deren Alleinstellungsmerkmal eine wenig schmückende Zahnlücke ist. Dagegen klingt die goldene Ära der Supermodels in den neunziger Jahren wie ein Märchen aus „1001 Nacht“. Nachdem Gianni Versace seine legendäre Mailand-Show im März 1991 mit Linda Evangelista, Christy Turlington, Naomi Campbell und Cindy Crawford bestritt, schien für die Models alles möglich. Sie waren nicht nur eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie waren Stars, und sie zelebrierten ihr Leben entsprechend. Sie dateten Sportstars (Naomi Campbell und Mike Tyson), hingen mit Rockstars ab (Stephanie Seymour und Axl Rose), hatten Verbindungen zu Monarchen (Claudia Schiffer und Prinz Albert von Monaco) oder heirateten Hollywoodstars (Cindy Crawford und Richard Gere). Wenn sie auf die Straße gingen, wurden sie von Bodyguards beschützt.

Linda Evangelista prägte damals den berühmten Ausspruch, dass sie für weniger als 10.000 Dollar am Tag das Bett nicht einmal verlassen würde. Der Designer Michael Kors bezeichnete die neue Generation der Models, die noch weibliche Rundungen haben durften, gut gebräunt waren, als die „Pin-up-Girls der Neunziger“. Befördert wurde ihr Aufstieg auch durch die Tatsache, dass Hollywoodstars in dieser Zeit nicht mit Mode und Werbung in Verbindung gebracht werden wollten – so übernahmen Models die Rolle als Ikonen des Glamours.

Schönes war eher out

Dann allerdings wurde es den Designern zu viel. Sie wollten Models mit weniger Allüren, die den Blick wieder auf ihre Entwürfe lenkten – und angesichts der kriselnden Haute Couture auch weniger kosteten. Noch dazu wendete die kurze, aber kraftvolle Phase des Grunge den Blick von den gesunden Models zum derben Heroin-Chic. Hässliches konnte auf einmal schön sein, Schönes war eher out. „Als ich anfing, kamen viele Models aus Schweden, hatten perfekte Bein und lachten wunderschön. Die waren 1,73 Meter – für damalige Verhältnisse war das groß“, erinnerte sich Lindberg in einem Interview mit dem „Spiegel“. „Heute sind die Models um die 1,90 Meter, kommen aus Osteuropa und wiegen wenige, wenige Kilos. Die hungern sich zu Tode, das kann man als intelligenter Mensch nicht gut finden“, ergänzt er resigniert.

Die goldenen Zeiten für die Modelagenten, die in einigen Ländern bis zu 50 Prozent der Gage als Provision kassieren, sind vorbei. Statt Stars sucht die Branche unverbrauchte Gesichter, oder, wie einige Kritiker treffend sagen: nach anonymem Kleiderständer. Den herkömmlichen Schönheitsidealen müssen Models nicht unbedingt entsprechen. Die Shootingstars von heute sind mitunter blutige Anfänger. Die Model-Agentin Ann-Kathrin Fischer etwa schickte die Set-Cards von Nescher als Erstes an Prada, wo die Deutsche mit russischen Wurzeln sofort engagiert wurde. Im Wissen, dass die Karriere als Supermodel auch genauso schnell zu Ende sein kann, wie sie begann.

2026561

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare