Ein-Mann-Polizei in Apensen

Ein Mann, ein Dorf

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Polizeioberkommissar Reiner Helms in Buxtehude-Apensen.

Arpensen - Die Polizei in Apensen – das ist Reiner Helms. 
Vom Parkdelikt bis zum Mord ist der Beamte 
hier allein für alles 
verantwortlich. Zumindest bis halb vier. Dann macht Helms Feierabend.

Sein Kunstlederschild mit dem Aufdruck „Dorfsheriff“ zeigt er mit Stolz. Reiner Helms nennt sich selbst gerne so – auch wenn Kollegen im Nachbarort Buxtehude meinten, er mache sich lächerlich, als er das Schild einmal an der Uniformjacke trug. Seit fast 33 Jahren ist Helms Polizist. In der Samtgemeinde Apensen hat er, wie er sagt, seinen Traumjob gefunden. Mit „Die Polizei in Apensen“ meldet er sich am Telefon; „die Polizei“, das ist Helms allein. Von Falschparken bis Mord muss er sich - prinzipiell - um alles hier kümmern. Tatort Kellertür. In Revenahe, das zur 8554 Einwohner zählenden Samtgemeinde gehört, gab es einen Einbruchversuch. Unbekannte wollten den Rahmen aushebeln und wurden gestört. Helms hat sich schon am Vortag ein Bild von der Lage gemacht und mit dem Hausbesitzer gesprochen, den kennt er persönlich. Da aber der Akku seiner Digitalkamera leer war, kehrt er noch mal zurück, um die zersplitterte Glastür zu fotografieren. „Für die Versicherung“, sagt er. Für den 49-Jährigen in der blauen Uniform ist so etwas Alltagsgeschäft.

Wo alles in einer Hand liegt, lässt sich vieles verbinden. Mit seinem alten Streifenwagen, dem letzten grünen der Polizeiinspektion Stade, fährt Helms ein paar Straßen weiter, um an einem Mehrfamilienhaus Anhörungsbögen in einen Briefkasten zu werfen. „Moin“, begrüßt ihn der Hausbesitzer, der gerade den Hof fegt, und zeigt zur Tür seiner Mieter. Dass die jungen Leute mit der Polizei zu tun haben, weiß er längst: Vor dem Haus gab es nächtlichen Streit. Beim Versuch einer Clique, „etwas zu klären“, wurde getreten und an Haaren gezogen; Polizisten im Nachtdienst nahmen 13 Anzeigen unter anderem wegen Beleidigung auf. Reiner Helms selbst kam nachts nicht zum Einsatz. Er arbeitet von 7 Uhr bis 15.30 Uhr - danach und auch wenn er Streife fährt oder ermittelt, werden Anrufe an die Dienststelle in Buxtehude geleitet. „Nachts wäre es ohne Verstärkung sowieso oft zu gefährlich“, sagt der Dorfsheriff und schmunzelt: Die regelmäßigen Tagschichten trügen nicht unerheblich zu seiner Zufriedenheit bei.

Weiter mit dem Streifenwagen durch Beckdorf und Sauensiek. Falschparker, verrät der Polizist, interessieren ihn weniger - solange sie keinen gefährden. Autofahrer werden langsamer, wenn sie die Polizei im Rückspiegel sehen. Noch langsamer tuckert ein Trecker mit einem Ladewagen voll Stroh über die schmale Landstraße. Helms sieht: Ein Blinker funktioniert nicht, und die Ballen sind mit nur einem Gummi nicht sicher verzurrt. Geduldig verfolgt der Polizei-Passat die Ladung bis zu einer Scheune. Der Treckerfahrer steigt schuldbewusst ab, das mit dem kaputten Blinker ist ihm bewusst. „Kann ich Platt reden?“, fragt er. Da Helms Platt zwar versteht, aber nicht selbst spricht, reden sie unter dem Scheunendach hochdeutsch weiter, während es draußen gewittert. Helms drückt ein Auge zu und verzichtet auf Bußgeld, als der Angestellte eines Pferdehofs von sich aus glaubwürdig Besserung gelobt. Stattdessen plaudern die beiden über die Preise von Strohballen - das kann dem Dorfsheriff bei der Schadenseinschätzung einer aktuellen Brandserie auf Feldern in der Umgebung noch nützen. „Warum sollte ich dem Fahrer 35 Euro abknöpfen?“, erläutert Helms später. „Schuld ist doch wohl sein Chef.“

Den Dorfsheriff erwartet in der Dienststelle kein Chef. Selbstständig kann er in seinem Büro im Apenser Fachwerk-Rathaus seinen Arbeitstag organisieren, mit der Staatsanwaltschaft telefonieren, Akten bearbeiten, Beschuldigte und Zeugen anhören, spontane Besucher empfangen, oder auch mal eine Einladung zum Schützenfrühstück annehmen. An diesem Tag kommt dreimal „Kundschaft“: Ein Rentner berichtet, in seinem Carport sei eine Lampe zerstört worden, „nur zur Kenntnis“. Ein junger Mann, den Helms von der Feuerwehr kennt, fragt um Rat, weil seine Schwester ihn der Bedrohung beschuldigt - das stimme so nicht. Ein weiterer junger Mann will wissen, worum es in einer Anzeige wegen Beleidigung geht, die er in der Post hatte. Wie aufgeregt „die Kundschaft“ auch sein mag, der Beamte bleibt ruhig.

Was ihn ärgert? „Wenn Leute sich im Suff gegenseitig anzeigen und sich dann nicht mal die Mühe machen, sich förmlich zu äußern.“ Außerdem: Wenn Kinder unter 14 sich frech auf Strafunmündigkeit berufen. Was ihn besonders zufriedenstellt? Da fällt ihm der 16-Jährige ein, der in schlechter Gesellschaft immer wieder auffällig wurde - und doch die Kurve kriegte. Zusammen mit Leuten vom Jugendamt habe er sich den Jungen zur Brust genommen, erzählt Helms. „Er hat einen Vertrag mit uns unterschrieben und kümmert sich jetzt um den Sportplatz.“

Die Handschellen hinten am Gürtel hat Helms bisher nicht gebraucht. Einen Mord hat es in den neun Dörfern in seiner Dienstzeit noch nicht gegeben. Die Pistole, mit der er vierteljährlich am Schießstand übt, hat er in Apensen nur einmal gezückt, wegen eines Alarms bei der Volksbank. „Mulmig war mir da schon, so allein“, erinnert sich Helms. „Aber die Mitarbeiter hatten bloß aus Versehen einen Kollegen eingeschlossen.“ Ein Fehlalarm also. „Zum Glück.“

82 Stationen im Land mit nur einem Polizisten

In Niedersachsen sind zurzeit 82 Polizeistationen mit nur einer Person besetzt. Das geht aus einer Antwort von Innenminister Boris Pistorius (SPD) auf eine CDU-Anfrage im Landtag hervor. Mit 31 liegen die meisten dieser Stationen im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück, gefolgt von Göttingen (24), Oldenburg (15), Braunschweig (9) und Lüneburg (3). Kleinste Stationen der Polizeidirektion Hannover sind demnach Bennigsen und Steinhude mit je zwei Beamten.

Nicht zuletzt weil viele Polizisten demnächst in den Ruhestand gehen, sorgt sich die CDU um die Zukunft der kleinen Stationen. Derzeit seien keine Schließungen geplant, sagt der Innenminister. Eine „generelle Bestandsgarantie“ will er jedoch nicht geben: „Die Entscheidung über das Fortbestehen obliegt der jeweiligen Polizeidirektion.“ Schon jetzt sind viele Ein-Personen-Stationen zur Urlaubszeit wochenlang geschlossen – oft auch, weil die Beamten in größeren Stationen aushelfen müssen.gs

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