Prozessbeginn

Mann soll sich an 21 Jungen vergangen haben

Göttingen/Bern - Ein Missbrauchsskandal in der Schweiz, von dem auch ein viel beachtetes Projekt des Göttinger Neurobiologen und Sachbuchautors Professor Gerald Hüther betroffen ist, kommt jetzt vor Gericht.

Die regionale Staatsanwaltschaft Oberland hat einen 44-jährigen Sozialpädagogen wegen zahlreicher sexueller Übergriffe auf 21 Kinder und Jugendliche angeklagt. Er hatte im Sommer 2010 als Betreuer an einem von Hüther mitinitiierten Almprojekt für Jungen mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) teilgenommen. Die Schweizer Anklagebehörde wirft dem 44-Jährigen mehrfache sexuelle Nötigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern, Pornografie sowie das Verabreichen von gesundheitsgefährdenden Stoffen an Kindern vor.

Der Sozialpädagoge soll die Taten zwischen 1998 und Ende 2011 begangen haben. Die meisten Opfer – ausschließlich Jungen – seien zum Zeitpunkt der ersten Kontakte zwischen zehn und zwölf Jahren alt gewesen, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mit. Die Übergriffe hätten in der Regel in dessen Privatwohnung sowie in Alphütten stattgefunden. Eines der Opfer soll ein Junge aus Deutschland gewesen sein, der im Sommer 2010 an dem so genannten „Almprojekt“ der Sinn-Stiftung teilgenommen hatte.

Damals hatten sechs Jungen mit der Diagnose ADHS mehrere Wochen auf einer abgeschiedenen Alm im Berner Oberland verbracht. Hüther, der bis Frühjahr 2013 Präsident und Vorsitzender des Beirats der Sinn-Stiftung war, hatte das Projekt unter dem Motto „Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang auf Ritalin“ mitinitiiert und konzipiert. Die Organisatoren priesen ihr medienwirksam vermarktetes Projekt als Verhaltenstherapie an, die die Kinder in die Lage versetze, ohne das Medikament Ritalin auszukommen. Über die angeblichen therapeutischen Erfolge hatten Hüther und der jetzt angeklagte Betreuer auch bei einem gemeinsamen Vortragsabend in Göttingen berichtet. Der 44-Jährige schwärmte damals von den „Wundern“, die auf der Alm passiert seien.

Hüther hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Frühjahr 2013 zunächst dementiert, dass es bei dem Alm-Projekt zu sexuellen Übergriffen gekommen war. Später erklärte er, dass es für ihn keine Hinweise auf sexuelle Missbrauchshandlungen gegeben habe.

Laut Anklage soll der Sozialpädagoge von seinen Opfern auch pornografisches Bildmaterial angefertigt und dieses im Internet zum Tausch angeboten haben. Außerdem soll er mehreren Jungen große Mengen Alkohol sowie Marihuana abgegeben und sie zum Konsum animiert haben. Das Alm-Projekt wurde mittlerweile eingestellt. Ob es erfolgreich war, ist unklar, da es nie evaluiert wurde.

Von Heidi Niemann

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