Waschbären in Deutschland

Der maskierte Jäger erobert das Land

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Der Jagd zum Trotz wächst der Waschbärbestand in Deutschland an.

Berlin/Frankfurt - Seit 80 Jahren leben Waschbären in Deutschland. Und obwohl sie immer stärker gejagt werden, wächst ihr Bestand stetig.

Vor 80 Jahren begann sein Eroberungszug im Westen, vor knapp 70 Jahren auch im Osten Deutschlands. Vier Waschbären wurden 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt. In Brandenburg flohen 1945 nach einem Luftangriff auf eine Pelztierfarm weitere Tiere in die freie Wildbahn. Dem Eroberer aus Amerika mit dem Maskengesicht geht es seitdem gut bei uns. Zu gut, finden Jäger und Biologen.

Obwohl sein Pelz kaum noch Abnehmer findet und niemand Waschbärfleisch essen möchte, wird er immer stärker bejagt: In Brandenburg und Hessen wurden im vergangenen Jahr jeweils mehr als 20 000 Waschbären zur Strecke gebracht. 2001 waren es in Hessen nur 8600 Tiere, in Brandenburg sogar nur 2300. „Der Waschbär tritt zunehmend flächendeckend auf“, sagt Tino Erstling vom Landesjagdverband Brandenburg. Und die Jäger haben dazugelernt: „Mit der Büchse ist er sehr schwer zu bejagen“, erklärt Erstling, „die Fangjagd dagegen ist relativ einfach.“ In die Fallen der Jäger tappt der verfressene Procyon lotor ziemlich arglos.

Dabei ist er sonst so dreist wie geschickt: Waschbären kommen überall hoch, auch wenn sie vom Typ her „eher der korpulente Müßiggänger“ sind, sagt der Biologe und Waschbärforscher Ulf Hohmann. „Sie können sehr gut klettern, aber wegen ihres Gewichts von sieben, acht Kilo überhaupt nicht springen.“ Völlig ohne Angst schubsen die Waschbären andere, weit stärkere Tiere beiseite, um an ihr Futter zu kommen. „Das ist verkehrte Welt“, sagt Matthias Freude kopfschüttelnd. Der Präsident des brandenburgischen Landesumweltamts hat mit angesehen, wie Waschbären Kormoran-Nester plünderten, ohne dass die robusten, schwarzen Vögel etwas dagegen tun konnten. „Sie würden ihm lässig beikommen können“, rätselt Freude, „aber sie wissen nicht, wie“. Das ist der Vorteil des Waschbären als Neozoon, als eingewanderte Tierart.

Auch nach 80 Jahren sind die anderen Tiere auf den Neuankömmling nicht eingestellt. Freude zeichnet ein düsteres Bild: Viele Vogelarten, die auf Wiesen, am Boden oder im Schilf brüten, sind den Attacken von Fuchs, Marderhund und Waschbär nicht gewachsen. „Da gibt es teilweise Rückgänge bis zu 80 Prozent“, beklagt Freude. Besonders stark schmerzt ihn der Appetit des Waschbären auf die seltene Europäische Sumpfschildkröte. Mit großem Aufwand und Spenden haben Freudes Leute die Schildkröten in Brandenburg ausgesetzt - doch viele enden als Waschbärfutter.

Dennoch ist Freude dagegen, den Bären flächendeckend zu bejagen. „Das ist viel Aufwand für wenig Nutzen. Nach spätestens drei Wochen ist der nächste da.“ Zurzeit werden die Bären von Jahr zu Jahr mehr. Von einem „verlorenen Krieg“ spricht der Biologe Hohmann. Besonders in den Städten sei eine Jagd nicht sinnvoll. „Das ist noch nie gelungen, im Gegenteil: Der Waschbär reagiert durch höhere Geburtenraten“, erklärt Hohmann. Dadurch potenziert sich das Problem: Eine Waschbärmutter mit ihren Kleinen richte auf einem Dachboden viel größere Schäden an als ein Einzeltier. Da liegt schon mal schnell die ganze Dämmung in Fetzen. Irgendwann, wie bei jeder Tierart, reguliert sich die Population selbst - oder Krankheiten brechen aus. „Beim Waschbären wissen wir vieles noch nicht“, räumt Freude ein.

Es ist noch nicht einmal bekannt, wie weit sich die West- und Ost-Bären 25 Jahre nach dem Mauerfall angenähert haben. Die Waschbären wandern: Von Hessen nach Niedersachsen, von Brandenburg Richtung Sachsen-Anhalt. In der Harzgegend scheinen sich beide Populationen getroffen zu haben. Ob sie sich vermischen, kann nur vermutet werden: Viele West-Bären sind mit einem Parasiten infiziert, dem Waschbärspulwurm, die Ost-Bären bis heute nicht. Das spricht eher gegen eine große West-Ost-Vereinigung der Maskentiere.

Gegen Bären im Haus helfe nur, alles zu verrammeln, rät Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund Hessen. Die findigen Tiere klettern auf die Dächer und spüren selbst die kleinste Öffnung auf. Deshalb müsse man alle Luken fest verschließen und vermeiden, die Tiere anzulocken, indem man Essbares herumliegen lassen.

Einige, wie die Familie Moog aus dem hessischen Hattenbach, nehmen sogar Hightech-Hilfe in Anspruch: Die Katzen der Moogs haben einen implantierten Chip. Die Katzenklappe des Hofs öffnet sich nur beim richtigen Code. Bisher funktioniert das. Doch es gibt auch bereits Exemplare, die so lange warten, bis die Katze kommt, und dann hinterherschlüpfen - der Jäger mit Maske kennt viele Tricks.

Von Jan Sternberg und Nils Sandrisser

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