Zimmer statt Zellen

Mehr Komfort in der Sicherungsverwahrung

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Foto: Sicherheitsverwahrte werden künftig komfortabler untergebracht. Die Häftlinge sind dennoch frustriert.

Bützow/Weiterstadt - Therapie statt Strafe, Apartmenthaus statt Zellenblock: Die Sicherungsverwahrten in Deutschland erhalten mehr Komfort und mehr Freiheiten. Die Stimmung unter den Betroffenen ist deswegen nicht unbedingt besser geworden.

Ein kleiner Teich, erstes Grün, ein weiter Himmel. Hinter dem zweistöckigen Apartmenthaus in typisch norddeutschem Ochsenblut-Braun gibt es kleine Terrassen. Eine Idylle – wären da nicht die mehr als sechs Meter hohe Mauer und der scharf gezackte Stacheldraht.

Wer hier am Rande der Justizvollzugsanstalt Bützow in Mecklenburg-Vorpommern landet, der bleibt lange Zeit. Es sind Schwerstkriminelle, die ihre langjährige Haftstrafe verbüßt haben, aber nicht entlassen werden, weil von ihnen nach Überzeugung von Experten weiter Gefahr ausgeht.

Für elf Millionen Euro baut das Land deshalb auf dem Anstaltsgelände im Landkreis Rostock einen Komplex zur Sicherungsverwahrung. Das Wohngebäude mit 20 Plätzen ist bereits fertig. Pünktlich zum 1. Juni ziehen hier jene acht Männer ein, die im Nordosten bereits zu Sicherungsverwahrung verurteilt worden sind und bisher in der Vollzugsanstalt Waldeck bei Rostock saßen.

Sicherungsverwahrte sind keine Gefangenen im eigentlichen Sinne. Sie haben ihre Haftstrafen verbüßt, bleiben aber eingesperrt, weil sie weiterhin als sehr gefährlich gelten. Oft befinden sich die Insassen - darunter auch verurteilte Mörder oder Sexualstraftäter - seit Jahrzehnten hinter Gittern.

Doch für immer einfach Wegsperren geht nicht, hat das Bundesverfassungsgericht 2011 entschieden. Den Bundesländern wurde eine Reform der Unterbringung zur Auflage gemacht, die Frist dafür läuft an diesem Samstag aus. Das Leben von Sicherungsverwahrten soll sich nun mit Blick auf eine mögliche Entlassung deutlich von der üblichen Strafhaft unterscheiden.

Viele Länder haben teure Neu- oder Umbauten in Angriff genommen. Hessen zum Beispiel baut zurzeit in Zusammenarbeit mit Thüringen für 15 Millionen Euro die JVA Schwalmstadt um. Dabei soll Platz für 63 Sicherungsverwahrte geschaffen werden. Zwischenzeitlich kommen 38 Betroffene in neuen Räumen der Haftanstalt Weiterstadt unter.

Hier heißen die Zellen jetzt Zimmer, und jeder Insasse hat auf insgesamt 22 Quadratmetern zwei davon. Die Verwahrten haben nun mehr Freiheiten, sind nicht mehr zum Arbeiten verpflichtet und erhalten Therapieangebote. Sie dürfen in drei Zimmern Besuch empfangen, gemeinsam kochen, für den gemeinsamen Wohnbereich wurden Sitztisch und Couchgarnitur bei Möbelhäusern ausgesucht. Viermal im Jahr können sie unter Bewachung die Anstalt verlassen.

„Ziel ist es, ein selbstverantwortetes Leben zu führen“, sagt Doris Breuer-Kreuzer von der JVA Schwalmstadt, die für die Sicherungsverwahrten im Trakt in Weiterstadt zuständig ist. Soweit die Theorie. Die Realität ist weitaus schwieriger. Viele haben nach all den Jahren hinter Gittern keinen Kontakt mehr nach draußen, gelten als schwer resozialisierbar.

Und viele Sicherungsverwahrte sind einfach frustriert, weil sie schon lange nicht mehr an eine Entlassung glauben. Die Stimmung unter ihnen ist deshalb alles andere als gut. „Beschissen“, sagt einer in Weiterstadt zu seiner Situation. Genau 243 Monate sitzt er im Gefängnis. Ein Ende ist nicht absehbar.

Auch das Land Niedersachsen hat sich zu einem Neubau entschlossen. In den 12,5 Millionen Euro teuren Komplex auf dem Gelände der JVA Rosdorf bei Göttingen sollen an diesem Samstag zunächst 20 Männer einziehen. Ihnen stehen jeweils 23 Quadratmeter große Appartements mit eigenem Duschbad und Freizeiteinrichtungen zur Verfügung.

Die Sicherungsverwahrten bekommen Schlüssel für ihre Wohnräume und einen beschränkten Zugang zu Internet und Telefon. Tagsüber können sie sich auf einem separaten, rund 1000 Quadratmeter großen Freigelände bewegen, gemeinsam kochen oder Sport treiben. Die Anwohner konnten die Unterkünfte am Mittwoch bei einem „Tag der offenen Tür“ besichtigen.

In Bötzow im hohen Norden riecht es noch nach frischer Farbe. Kein langer Flur mit Zellen, sondern ein Laubengang verbindet die Wohneinheiten. In ihre Wohnräume können die Insassen eigene Möbel stellen.

Der Blick aus der gläsernen Terrassentür geht über die Freifläche bis hin zum kleinen Sportkomplex. „Ausbruchsicheres Glas“, sagt Jens Kötz, Presseverantwortlicher der Justizvollzugsanstalt. Die Fenster sind vergittert, von der Spitze des Winkelbaus wacht das Personal über die Bewohner. Freiheit sieht anders aus.

dpa

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