Polizisten übergeben Demonstranten an Verbrecherbande

Mexikos mörderische Allianz

+
Foto: 17 der 43 vermissten Lehramtsstudenten aus Iguala wurden ermordet und in einem Massengrab verscharrt.

Mexiko-Stadt - Der Horror im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero kommt nur Stück für Stück ans Licht. Korrupte Polizisten und Gangster erschießen protestierende Studenten in der südmexikanischen Stadt Iguala und verbrennen sie in einem Massengrab.

Erst verschwinden 47 Studenten nach einem Protest in der Stadt Iguala spurlos, dann findet die Polizei dank eines anonymen Hinweises 28 verbrannte Leichen in mehreren Massengräbern, und nun gestehen Killer eines örtlichen Kartells, 17 der jungen Leute ermordet zu haben. Guerrero ist in diesen Tagen Schauplatz eines neuen Kapitels des unfassbar brutalen Drogenkriegs in Mexiko. Und wieder sind ganz offensichtlich Unschuldige Opfer geworden, weil sie die Kreise des Organisierten Verbrechens störten.

Wenn sich bewahrheitet, was die Indizien nahelegen, sind Drogenkartelle und lokale Sicherheitskräfte faktisch eine kriminelle Allianz eingegangen, deren Opfer die Studenten wurden. Und der Fall zeigt einmal mehr, wie sehr das Organisierte Verbrechen in manchen Gegenden Mexikos die Staatsmacht verdrängt hat. Guerrero, wo auch der Pazifikbadeort Acapulco liegt, gilt als der gefährlichste Bundesstaat Mexikos: Mit 62 Morden je 100.000 Einwohner liegt die Region noch weit vor den Rauschgifthochburgen im Norden des Landes. In Guerrero kämpfen gleich mehrere Banden um Routen und Reviere für ihr Rauschgift.

Tötungsbefehl vom Bandenchef

Sichtlich mitgenommen teilt der Generalstaatsanwalt von Guerrero, Iñaky Blanco, in der Nacht zu Montag mit: Zwei am Sonntag gefasste Mitglieder der Bande „Guerreros Unidos“ haben gestanden, 17 der 43 vermissten Lehramtsstudenten getötet und in einem Massengrab verscharrt zu haben. Die beiden Pistoleros sowie ein ebenfalls festgenommener Polizist hätten die Ermittler zu dem Grab nahe der Stadt Iguala geführt. Der Tötungsbefehl sei demnach vom Anführer der Verbrecherbande gekommen. Die „Guerreros Unidos“ (Vereinigte Krieger) wurden dereinst als bewaffneter Arm des Drogenkartells Beltrán Leyva gegründet.

Nach den bisherigen Erkenntnissen fuhren rund hundert Studenten der pädagogischen Hochschule von Ayotzinapa am 26. September in das rund zwei Stunden entfernte Iguala, um Spenden zu sammeln. Das Lehrerseminar Ayotzinapa ist traditionell politisch links und besonders aktiv bei politischen Protesten. Die meisten Hochschüler stammen aus einfachen Verhältnissen. Die zwischen 18 und 23 Jahre alten Studenten kaperten nach der Sammelaktion drei Busse, vermutlich weil sie damit zu Protesten nach Mexiko-Stadt fahren wollten. Mit brutaler Polizeigewalt als Antwort hatten aber wohl selbst die kampferprobten Kommilitonen nicht gerechnet. Örtliche Polizisten versperrten den Bussen den Weg und eröffneten das Feuer. An dem Überfall beteiligten sich aber auf jeden Fall auch Männer in Zivil, vermutlich Gangster der „Guerreros Unidos“. Insgesamt wurden dabei sechs Menschen getötet. Anschließend nahm die Polizei 43 Studenten fest und verteilte sie auf die Polizeireviere der Stadt.

Polizei übergab Studenten an ihre Mörder

Dort sollen die Jugendlichen nach Angaben der beiden jetzt gefassten Killer an Mitglieder der „Guerreros Unidos“ übergeben worden sein. Die Mörder brachten ihre Opfer anschließend in den Weiler Pueblo Viejo außerhalb von Iguala, misshandelten und ermordeten sie. Danach warfen sie die Leichen in ein Massengrab, schichteten sie auf wie bei einem Lagerfeuer. Sie legten Äste und Baumstämme darüber, übergossen das Ganze mit Benzin und zündeten es an.

Das Verbrechen der Studenten bestand offenbar einzig und allein darin, die Hoheit der organisierten Banden in Guerrero herausgefordert zu haben. Die örtliche Polizei diente dabei lediglich als Erfüllungsgehilfe der Banden. Schon vorher war bekannt, dass die Polizei in der 130.000-Einwohner-Stadt Iguala eng mit dem Drogenverbrechen verfilzt ist, aber ein solches Verbrechen hat selbst für das an ähnlichen Horror gewöhnte Mexiko eine neue Dimension. 22 Beamte wurden mittlerweile festgenommen, der Bürgermeister der Stadt, José Luis Abarca, und sein Sicherheitschef sind untergetaucht. Die Identität der Toten soll nun von Spezialisten geklärt werden. Das könne wegen des Zustandes der Leichen bis zu zwei Wochen dauern, betonte Staatsanwalt Blanco.

Tag für Tag würden die Menschenrechte der Bürger von Guerrero verletzt, heißt es im jüngsten Bericht der Nationalen Menschenrechtskommission. Und Amnesty International klagte jüngst, die Regierung habe offensichtlich keine adäquate Strategie, um die Sicherheit in der Region zu verbessern. Festgenommene würden bei Verhören zum Teil gefoltert und bedroht. Menschenrechtsverletzungen würden aber kaum geahndet, es herrsche weitgehende Straflosigkeit.

Drogen raus, Waffen rein

Auf Leben und Tod: Das Kartell Beltrán Leyva ist vor allem im Westen und Zentrum Mexikos aktiv. Es schmuggelt Kokain, Marihuana, Heroin und Methamphetamine in die Vereinigten Staaten. Im Gegenzug schafft die Bande Waffen und Munition aus den USA nach Mexiko. Der Familienclan diente einst dem Sinaloa-Kartell als bewaffneter Arm. Als im Jahr 2008 Alfredo Beltrán Leyva festgenommen wurde, kam es zum Bruch. Alfredos Brüder beschuldigten das Sinaloa-Kartell, ihn ans Messer geliefert zu haben. Der Clan erklärte den einstigen Verbündeten den Krieg. Nach einer Reihe von Festnahmen – erst vergangene Woche ging der Boss Héctor Beltrán Leyva den mexikanischen Behörden ins Netz – und internen Kämpfen gilt das Kartell als geschwächt. Zuletzt schmiedeten die Beltrán Leyvas eine Allianz mit der kriminellen Organisation „Los Zetas“, mit der sie nun einige der gefährlichsten Todesschwadronen des Landes unterhalten. Analysten bewerten das Bündnis allerdings als brüchig.

von Klaus Ehringfeld

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare