Chaos in Deutschland

Mindestens zehn Tote durch Orkan Niklas

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Sturmtief Niklas zog mit schweren Sturmböen über Deutschland hinweg, vielerorts wurden Bäume entwurzelt.

Berlin - Orkan „Niklas“ ist abgezogen, es bleibt aber stürmisch. Die Aufräumarbeiten laufen auf Hochtouren, der Bahnverkehr nimmt wieder Fahrt auf. An Ostern sollen die Züge planmäßig fahren.

„Niklas“ war einer der stärksten Stürme der vergangenen Jahre. Mit Böen von bis zu 192 Stundenkilometern entwurzelte er am Dienstag vielerorts Bäume, er beschädigte Autos, Häuser und Stromleitungen.

In Bayern wurde eine Frau von einem Baum erschlagen, der auf ihr Auto stürzte. Auch in der Nähe von Montabaur imWesterwald stürzte einBaum auf einDienstfahrzeug der Straßenmeisterei Bad Ems, die beiden21 und 23 Jahre alten Insassen wurden tot geborgen. Außerdem gab es mindestens drei Tote bei wetterbedingten Unfällen: Im baden-württembergischen Ostalbkreis starben zwei Männer auf einer schneebedeckten Straße. In Bayern wurde ein Mann bei starkem Hagel auf der Autobahn 95 getötet.

Hausbesitzer von Mauer begraben

In Sachsen-Anhalt wurde laut Polizei ein Hausbesitzer aus Groß Santersleben vor seiner Haustür unter einer umstürzenden Betonmauer begraben. Im österreichischen Mauthausen starb ein Mann, der während des Sturms seine Terrassenüberdachung sichern wollte. Dabei stürzte er von der Leiter und zog sich tödliche Kopfverletzungen zu, wie die Nachrichtenagentur APA berichtete. In der Schweiz ist im Sturm ein 75-jähriger Autofahrer ums Leben gekommen.

Er war laut Polizei unweit der deutsch-schweizerischen Grenze unterwegs, als ein Baum auf sein Fahrzeug krachte. Der Mannstarb noch an der Unfallstelle.Vielerorts gab es Verletzte: In Weimar kippte ein Baum auf eine Mutter und ihre zwei Töchter, die auf einem Gehweg liefen. Eines der Mädchen im Alter von neun Jahren wurde dabei am Dienstag schwer verletzt.

Mehrere zehntausend Haushalte in Bayern ohne Strom

Mehrere zehntausend Haushalte in Bayern blieben ohne Strom; für tausend Haushalte sollte der Zustand über Nacht anhalten, so der Versorger Bayernwerk AG am Dienstagabend. Auch in Sachsen blieben zeitweise bis zu 15.000 Kunden ohne Elektrizität. In mehreren Bundesländern wurden Windkraftanlagen ausgeschaltet. Zoos machten ihre Pforten dicht. In Hamburg blieb der Dom mit seinen Karussells geschlossen. Bei Hagen in Nordrhein-Westfalen riss der Sturm ein Baugerüst von der Lennetalbrücke (A45) ab. Zwei Arbeiter, die in 20 Metern Höhe mit Schweißarbeiten beschäftigt waren, fielen in die Tiefe und verletzten sich schwer. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd sagte: „Kaum ist der eine Baum aufgeräumt, stürzt der nächste um.“

Der Sturm brachte auch den Straßen-, Schiffs- und Flugverkehr durcheinander. Bundesweit waren Polizisten und Feuerwehrleute im Dauereinsatz. Auf Straßen und Autobahnen blockierten umgekippte Lastwagen und Anhänger den Verkehr. Am Flughafen in Frankfurt am Main fielen mehr als 180 Starts und Landungen aus. Angesichts der Wetterlage müsse auch für Mittwoch mit Einschränkungen im Flugbetrieb gerechnet werden, sagte ein Sprecher. In Hamburg waren 63 Flüge betroffen.

Ein für das Hamburger Elbegebiet erwartete Hochwasser fiel in der Nacht niedriger aus als befürchtet. Das Wasser am Fischmarkt in St. Pauli schwappte bis zum frühen Mittwochmorgen nicht wie erwartet über die Kaikante. Zuletzt hatten im Januar die Sturmtiefs „Elon“ und „Felix“ für mehrere Sturmfluten an der Nordseeküste und im Elbegebiet gesorgt.

Bahnsprecher: „Mit voller Wucht getroffen“

Das Orkantief hatte von Westdeutschland aus im Laufe des Dienstags auf den Osten der Republik übergegriffen. Auf der Schiene ging vielerorts nichts mehr. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-vorpommern, Brandenburg und Berlin ruhte der Regionalverkehr teilweise seit dem Vormittag ganz. In Deutschlands größtem Bundesland Bayern wurde der Fernverkehr am Nachmittag komplett eingestellt. Anderswo rollte der Verkehr stark gedrosselt.„Der Orkan Niklas hat die Bahn mit voller Wucht getroffen“, sagte Bahn-Sprecher Achim Stauß. „Wichtig ist, dass wir zum Osterreiseverkehr ab Donnerstag wieder alles in Schuss haben.“

Doch die Bahn ist mit schweren Sturmfolgen konfrontiert: „Die Sturmschäden vor allem an den Oberleitungen sind so großflächig und erheblich, dass es noch mehrere Tage dauern kann, bis wieder alle Linien bedient werden können“, teilte die Bahn am späten Dienstagabend mit. An Ostern sollen die Züge wieder planmäßig fahren: „Da müssten dann die Umlaufpläne wieder so stimmen, dass die Züge überall da sind, wo sie auch hingehören“, sagte Stauß. Laut Bahn sind die Strecken zwischen Bremen und Hannover sowie zwischen München und Rosenheim noch gesperrt. Die Höhe des entstandenen Schadens für die Bahn ist noch unklar: „Es gab bundesweit Schäden. Ich kann noch keine Summen nennen.“Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re hat ebenfalls noch keinen Überblick über die Schäden nach dem Sturmtief. Dafür sei es noch zu früh, teilte das Unternehmen in München mit. Rein auf die Stärke bezogen handelte es sich aus Sicht der Munich Re um „kein sehr ungewöhnliches Ereignis“. Der bisher folgenschwerste Wintersturm war „Kyrill“ im Jahr 2007 mit Böen von über 200 Kilometern pro Stunde: Er richtete 4,2 Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Schäden an und schlug bei den Versicherern mit 2,4 Milliarden Euro zu Buche.

Einer der stärksten Stürme der vergangenen Jahre

Es sei einer der stärksten Stürme der vergangenen Jahre, sagte Meteorologe Lars Kirchhübel vomDeutschenWetterdienst(DWD). Am heftigsten tobte „Niklas“ auf Deutschlands höchstem Berg, der für die Öffentlichkeit gesperrten Zugspitze (2962 Meter) in den Alpen, mit Böen von 192 Stundenkilometern. Der Spitzenwert im Tiefland wurde laut DWD bis zum frühen Abend mit 140 Stundenkilometern erreicht.

Der Orkan ist zwar aus Deutschland abgezogen, laut Deutschem Wetterdienst bleibt es aber stürmisch: Das Luftdruckgefälle zwischen „Niklas“ über dem südlichen Baltikum und einem Hoch über der Biskaya sei so stark, das auch am Mittwoch in ganz Deutschland mit Sturmböen gerechnet werden müsse, sagte Meteorologe Stefan Bach. In exponierten Berglagen könne es auch wieder Orkanböen geben, allerdings nicht so starke wie am Dienstag.

Laut DWD wird das Osterfest in diesemJahr ungemütlich nass-kalt. Am Sonntag und Montag soll das Wetter bei 2 bis 13 Grad und häufigen Schauern nicht gerade nach draußen locken.

dpa

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