Produktionsaus

Mirácoli verlässt Bad Fallingbostel

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Foto: Nach 51 Jahren werden in Bad Fallingbostel keine Mirácoli-Produkte mehr hergestellt.

Bad Fallingbostel - Nach 51 Jahren soll Schluss sein mit der Mirácoli-Produktion in Bad Fallingbostel. Der US-Konzern Kraft hat Mirácoli an seinen Konkurrenten Mars verkauft. Der will die Herstellung nach Holland verlagern.

La Dolce Vita kam 1961 nach Bad Fallingbostel. Während Millionen Deutsche ihren in Wolfsburg gebauten Käfer an Adria und Riviera parkten, wurde im nahen Fallingbostel die erste Packung italienischen Lebensgefühls produziert: Mirácoli. Vom italienischen miracolo für Wunder abgeleitet, sollte das Halbfertiggericht wunderbar einfach sein: Spaghetti, Sauce, Würzmischung, Hartkäse, fertig. Mirácoli war eines der ersten Gerichte dieser Art - zwölf Jahre vor der ersten Tiefkühlpizza. Die „Werbefigur „Mama Mirácoli“ wurde zum Star. Wenn sie rief, dann füllte sich die Essenstafel - ganz so, wie man sich die Esskultur jenseits der Alpen vorstellte.

Jetzt ist in Bad Fallingbostel Schluss mit der Dolce Vita, dem italienischen Lebensgefühl. Der Lebensmittelhersteller Kraft will Mirácoli an den Konkurrenten Mars verkaufen. Mirácoli zieht es wohl nach Holland. Kraft-Unternehmenssprecherin Barbara Blohberger bestätigte, dass eine Absichtserklärung unterzeichnet wurde. Ein Verkauf würde alles mit einschließen, was zu Mirácoli gehört, darunter die Produktionsanlagen, mit denen die Arbeiter in Fallingbostel in den vergangenen 51 Jahren zig Millionen Packungen Mirácoli hergestellt und mit dem markanten Schriftzug auf der italienischen Flagge versehen haben. Auch das Rezept der laut Werbung „einzigartigen Würzmischung“.

Das Kraft-Werk wird trotz des Verkaufs von Mirácoli erhalten bleiben, sagte die Sprecherin. Dort würden weiterhin die Produkte Frischkäse, Mayonnaise, Ketchup und Kaffeekapseln hergestellt. Etwa 50 Arbeitsplätze werden trotzdem abgebaut. Kraft verspricht, eine sozialverträgliche Lösung anzustreben. Weitere Details will Kraft Foods erst nach dem Abschluss des Verkaufs und nach Gesprächen mit dem Betriebsrat nennen.

„Einen sozialverträglichen Abbau von Arbeitsplätzen kann es nicht geben“, sagt Dieter Nickel von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Nickel kritisierte auch die Konzernpolitik von Kraft. Dessen neue Ausrichtung - die Konzentration auf wenige Geschäftsfelder - und auch die einseitige Konzentration von bestimmten Produktion in einzelnen Werken. „Das ist der falsche Weg.“ In der Lebensmittelbranche sei man zwar nie vor Veränderungen sicher. „Aber wenn der Wind stärker weht, steht man auf einem Bein eben nicht so sicher“, sagt Nickel.

Die Stimmung im Werk in Bad Fallingbostel ist schlecht. „Die Mitarbeiter sind geschockt und wütend“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Gerd Siewert. Jetzt, im Nachhinein, wird Siewert und den anderen Mirácoli-Machern im Kraft-Werk Bad Fallingbostel auch klar, warum die Feiern zum 50-jährigen Jubiläum im Vorjahr so klein ausfielen. Denn eigentlich, so sagt Siewert, hätte Kraft solch ein Jubiläum deutlich größer gefeiert. „Das war schon komisch“, sagt Siewert. Der Betrieb habe die Mitarbeiter mehrfach vertröstet. Eine große Feier zu Ehren von 50 Jahren Fertigpasta wird es zumindest in Niedersachsen nicht mehr geben.

Wie lange schon über einen Verkauf nachgedacht wurde und auch wann die letzte Mirácoli-Packung produziert wird, dazu wollten sich weder Kraft noch Mars als der potentielle Käufer äußern. Klar ist nur, dass es relativ schnell gehen soll. Dem Vernehmen nach soll die Produktion in die Niederlande verlagert werden.

Ganz schnell ging es auch für die Mitarbeiter vor Ort. Am Dienstag kam die kurze Einladung zu einer Mitarbeiterversammlung. Das Thema: offen. Da kamen bei Siewert und Kollegen ernste Befürchtungen auf.

Denn 2006 lief es genauso, als Kraft die Produktion von Saucen und Dressings auslagerte. 250 Stellen sollten wegfallen. Auch damals ging alles ganz schnell. Immerhin: In Verhandlungen konnte der Betriebsrat um Gerd Siewert die Zahl auf 200 drücken. Es gab keine betriebsbedingten Kündigungen, die Reduzierung wurde durch Altersteilzeit und Abfindungen erreicht.

So soll es auch beim Ende der Mirácoli-Produktion sein, hofft Siewert. „Ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen“, sagt er. Möglicherweise könnten Produktionsteile, die damals ausgelagert wurden, wieder ins Werk nach Fallingbostel zurückgeholt werden. Trotzdem tue ihm der Abschied von dem kleinen Stück Italien weh: „Mirácoli ist uns ans Herz gewachsen.“

Gerd Schild

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