Muslimischer Besuch

Münster verbannt die nackte Schulter

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Foto: Im arabischen Prospekt muss die Tänzerin weichen – für das Theater.

Münster - Kniefall einer katholischen Stadt vor arabischen Gästen: Ein Bild einer Tänzerin im Prospekt des Stadttheaters wird gegen ein Bild des Gebäudes ausgetauscht.

Münster in Westfalen ist eine durch und durch katholische Stadt. Kirchen prägen ihr Gesicht, das Wort des Bischofs hat noch einiges Gewicht. Münster ist aber auch eine durch und durch junge Stadt, wie gestern Abend der 25. „Tatort“ aus Münster mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl bewiesen hat. Hier studieren schließlich 49 000 junge Leute, die City ist in den vergangenen Jahren richtig schick geworden. Und im Sommer sitzt man gern auch einmal leicht bekleidet zusammen am Aasee.

Dass die Freizügigkeit in Münster jetzt zu einem Problem wird, hat allerdings nichts mit der katholischen Kirche zu tun. Im Westfälischen diskutiert man gerade heftig über das Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit, weil die städtische Tourismus-Agentur eigene Maßstäbe gesetzt hat. Sie hofft in Zukunft ganz besonders auf Gäste aus dem arabischen Kulturraum und hat in ihrem Prospekt in arabischer Sprache gleich die ganze Stadt in ein neues Licht gesetzt.

Damit sich muslimische Gäste nicht an verbotenen Reizen stören, wurden in dem Faltblatt munter die Bilder ausgetauscht: Ein händchenhaltenes Pärchen ist verschwunden, eine arbeitende Frau im Spaghettiträger-Top wird ersetzt durch ältere Menschen, die in einer Broschüre blättern. Und statt der Tänzerin auf der Bühne des Stadttheaters ist die nicht sonderlich ansehnliche Fassade des Gebäudes zu sehen.

Eine notwendige Anpassung an die Wünsche der Gäste von morgen – oder ein völlig unnötiger kultureller Kniefall? Die Leserbrief-Seiten der „Westfälischen Nachrichten“, die als Erste über den Bildertausch berichtet haben, tragen bereits Züge eines Kulturkampfes. „Entweder Muslime mögen diese Stadt, wie sie ist: weltoffen, dynamisch, aufgeklärt, abendländisch und nicht zuletzt christlich – oder sie sollen es sein lassen“, heißt es an einer Stelle. „Wo soll das denn mal enden?“, fragt ein anderer Leser.

Beim Münster-Marketing spricht man von einem „sensiblen Thema“ und verweist darauf, dass man den Prospekt eng mit dem Zentrum für Islamische Theologie an der Universität abgestimmt habe. Und ganz allein ist man mit der besonderen Form der Rücksichtnahme auch nicht. In einer Broschüre für arabische Gäste in Köln etwa verzichtet die Stadt auf die Ankündigung des Christopher Street Days. Nur die Gäste aus Europa dürfen etwas über den traditionsreichen Demonstrationstag von Homosexuellen lesen.

In Hannover sieht man die Angelegenheit offenbar entspannter. Auch die Landeshauptstadt hat einen Flyer in arabischer Sprache. Aber in dem sind – ebenso wie im Prospekt für die Gäste aus Europa oder Asien – neben dem Schloss Herrenhausen vor allem viele unverfängliche Gebäude zu sehen. Bis dann doch noch eine Tänzerin aus dem Theater in den Blick kommt. In Hannover durfte sie bleiben.

Von Jörg Kallmeyer

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