Ägyptische Mumie in Göttinger Klinikum

Nach 2700 Jahren zum Arzt

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Die ägyptische Priesterin Hetep-Amun unterzieht sich gut 2700 Jahre nach ihrem Tod in Göttinger einer MRT-Untersuchung.

Göttingen - Mithilfe der Computertomografie untersuchen Göttinger Wissenschaftler
 jetzt uralte ägyptische Mumien, um die Todesursache zu ermitteln. Die ägyptische Priesterin namens Hetep-Amun starb vermultich um 700 vor Christus.

Der Körper liegt in der richtigen Position, die Untersuchung im modernsten und schnellsten Computertomografen des Göttinger Universitätsklinikums kann beginnen. Beim Start des Scan-Programms ertönt zunächst die Aufforderung: „Jetzt den Atem anhalten!“, kurz darauf: „Jetzt weiter atmen!“ Die automatische Durchsage lässt die Mitarbeiter im Zentrum Radiologie der Universitätsmedizin schmunzeln. Denn die Frau, die sie gerade in den Tomografen geschoben haben, ist keine Patientin, sondern eine Mumie. Die Göttinger Forscher unter Leitung von Professor Michael Schultz wollen mit modernsten medizinischen Untersuchungsverfahren unter anderem herausfinden, an welchen Krankheiten die einstige ägyptische Priesterin namens Hetep-Amun gelitten hat und woran sie um etwa 700 vor Christus gestorben ist.

Der Göttinger Paläopathologe gilt als einer der weltweit renommiertesten Experten auf dem Gebiet der Erforschung prähisto­rischer Krankheiten. Neben der mehr als 2700 Jahre alten Frauenmumie untersucht er in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit dem Zentrum Radiologie und Neuroradiologie der Universität Göttingen unter der Leitung von Professor Joachim Lotz sowie der Universität Heidelberg außerdem noch zwei weitere Mumien aus der Sammlung des dortigen Ägyptologischen Instituts. Die beiden anderen Mumien sind zwar deutlich jünger, aber eine absolute Rarität: Es sind Mumien koptischer Christen, die deutsche Forscher Anfang des 20. Jahrhunderts auf einem Friedhof bei Qarara in Mittelägypten entdeckt hatten. Sie stammen aus dem 5. bis 7. Jahrhundert nach Christus, als die Ära der Pharaonen-Herrschaft bereits seit langem beendet war.

Die koptischen Mumien sind ein einzigartiger Schatz. Nach Angaben der Heidelberger Ägyptologin Beatrix Gessler sind es die jüngsten Mumien überhaupt: „Von dieser Art Mumien existiert außer einem weiteren in der ägyptischen Sammlung in Heidelberg weltweit kein weiteres Exemplar in einem Museum.“ Nicht einmal in Kairo würden vergleichbare Mumien aus der Zeit gezeigt.

Die koptischen Mumien zeichnen sich durch einige optische Besonderheiten aus. Ungewöhnlich ist vor allem die Gestaltung des Kopfbereichs. Dieser hat einen satteldachähnlichen Aufbau, der unter anderem aus den Rippen von Palmblättern gefertigt wurde. Das äußere Leichentuch ist mit farbigen, rautenförmig angeordneten Bändern umwickelt. Offenbar hatten die damaligen Christen, obwohl sie mit dem Jenseitsglauben der alten Ägypter wenig anfangen konnten, deren Art der Totenkonservierung nachzuahmen versucht – allerdings nur mit begrenztem Erfolg.

Während bei den altägyptischen Mumien auch noch Gewebeteile erhalten sind, finden sich bei den koptischen Mumien nur noch Skelettteile. „Das Spezialwissen aus der pharaonischen Zeit war längst verloren gegangen“, sagt Professor Schultz. Bei ihren Untersuchungen wollen die Forscher nähere Erkenntnisse darüber gewinnen, welche unterschiedlichen Mittel und Verfahren zur Mumifizierung angewendet wurden.

Die Aufnahmen der Computertomographie sollen außerdem Anhaltspunkte dafür liefern, wo es sich lohnen könnte, weitere mikroskopische oder endoskopische Spezialuntersuchungen vorzunehmen. „Ein Skelett spei­chert viele un­terschiedli­che Daten eines menschlichen Lebens“, sagt Projektleiter Michael Schultz. Dank der modernen Medizintechnik sei es möglich, auch nach fast 3000 Jahren Rückschlüsse auf damalige Le­benswei­sen und Krank­heiten zu ziehen. Eine Krankheitsdiagnose kann er bereits stellen: Beim Röntgen einer koptischen Mumie hat er Reste einer durch Tuberkulose zerknöcherten Lunge ausgemacht.

Heidi Niemann

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