Katastrophenalarm in Bad Fallingbostel

Nach dem Chemieunfall Zuflucht in der Glaubenshalle

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„Wir wurden um halb vier aus dem Bett geschmissen“: Insgesamt rund 1800 Anwohner wurden in Bad Fallingbostel nach dem Säureunfall bei Kraft vorsichtshalber evakuiert und in Notunterkünften untergebracht.

Bad Fallingbostel - Teile von Bad Fallingbostel sind menschenleer, überall stehen Polizeisperren. Rund 1800 Anwohner des Kraft-Lebensmittelwerks verbringen die Nacht nach dem Chemieunfall in Notunterkünften. Es bleibt bei der einen Nacht.

In der Glaubenshalle in Krelingen bei Walsrode feiert das Geistliche Rüstzentrum Krelingen üblicherweise Mega-Gottesdienste mit aufrüttelnden Predigern. Am Dienstag erfüllte gedämpftes Stimmengewirr die riesige Halle, und es roch nach Hühnerfrikassee und Kaffee. Knapp 400 Menschen aus Bad Fallingbostel waren hier in den frühen Morgenstunden einquartiert worden, weil eine Giftgaswolke ihr Leben zu gefährden drohte. Gebannt blicken viele auf eine Großleinwand mit den neuesten Fernsehnachrichten zum Störfall in ihrer Heimatstadt: „Die Lage bei Kraft spitzt sich wieder zu“, ist zu lesen.

Die gefährlichen Gase waren am Vorabend nach einer Verpuffung auf dem Werksgelände des Lebensmittelkonzerns Kraft food aufgestiegen und zunächst in die Richtung des Wohngebiets „Am Weinberg“ gezogen, das daraufhin sofort evakuiert worden war. Als der Wind in der Nacht drehte, entschloss sich der Heidekreis, auch das Zentrum Bad Fallingbostels räumen zu lassen. Insgesamt 1800 Menschen mussten damit ihre Häuser und Wohnungen verlassen.

„Uns haben sie um halb vier aus dem Bett geschmissen“, sagt Gisela Rekow. Lautsprecherwagen auf der Straße hätten die Bewohner zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert. Angst habe sie dabei nicht gehabt, sagt die 73-Jährige. „Ich hab mich gewundert, dass man uns nicht schon vorher evakuiert hat. Wir sind ja genauso nah dran wie der Weinberg.“ Außerdem sei es nicht ihre erste Evakuierung. „Man ist das ja schon aus dem Krieg gewöhnt.“ Ein Großteil der Evakuierten ist mindestens genauso alt wie die Rentnerin und teilt solche Kriegserfahrungen.

Oliver B. zählt mit seinen 32 Jahren zu den wenigen Jungen. Noch mehr drückt Sophia den Altersschnitt. Die Zweijährige steht gemeinsam mit ihren Eltern in einer Schlange vor der Essensausgabe - und wirkt etwas überdreht. Kein Wunder: Wie ihre Eltern ist Sophia schon um drei Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen worden und hat seither nicht mehr geschlafen. Immerhin gab es gleich nach der Ankunft in der Glaubenshalle Frühstück. Nun hofft die Familie, möglichst bald wieder in ihre Wohnung zurückkehren zu können. Die Feldbetten in der Halle sind doch nicht sehr verlockend. Aber noch ist die Gefahr zu diesem Zeitpunkt nicht gebannt. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt Sophias Vater. „Natürlich will jeder wissen, wann er zurückkehren kann“, sagt Manfred Ostermann, der Landrat des Heidekreises, der Evakuierte besucht hat. „Aber das kann ich ihnen natürlich auch nicht sagen.“ Vorerst laute die Devise: „Kühlen und abwarten.“

Bereits am Montagmittag waren in einen Tank mit 14.000 Litern Natronlauge versehentlich 10.000 Liter Salpetersäure geleitet worden. Die Miracoli-Produktion ruhte seither ebenso wie die Herstellung von Philadelphia-Käse. Beim Abpumpen der Säure war es zu der bedrohlichen Verpuffung gekommen. Wie Bodennebel waren die Giftgase durchs Gewerbegebiet gezogen und von der Feuerwehr mit Wasserwerfern bekämpft worden. Am frühen Dienstagmorgen hatte sich die Lage erneut verschärft. Während des Abpumpens muss es zu einer chemischen Reaktion gekommen sein, so dass sich der Tank gefährlich erhitzte. „Die Temperatur ist von 30 auf 100 Grad angestiegen“, sagt Kreisbrandmeister Uwe Quandte.

Damit bestand die Gefahr, dass der Tank bersten und erneut giftige Gase freisetzen würde. „Das wäre natürlich der GAU“, sagt Landrat Ostermann. Die aufsteigenden Natriumgase nämlich können zu einer Verätzung der Atemwege führen - mit unabsehbaren Folgen. „Beim Einatmen kann es im geringsten Fall zu einer Reizung der Atemwege, verbunden mit Husten, kommen, im schlimmsten Fall zu einem Lungenödem“, erläuterte Notarzt Sven Wolf bei einer Pressekonferenz.

Um den GAU zu verhindern, wurde die Außenwand des Tanks zur Kühlung mit Wasser besprengt, zum anderen arbeitete die Feuerwehr daran, Lauge und Säure abzupumpen - maximal 3300 Liter pro Stunde. Mit Erfolg. Gegen 15 Uhr war die Lauge komplett aus dem Tank entfernt. Die restliche Säure - insgesamt 4000 Liter - werde nun „geflutet“, das heißt mit Wasser verdünnt, teilte der Kreisbrandmeister am Nachmittag mit.

Damit entspannte sich die Lage deutlich. Landrat Ostermann hob daher am späten Nachmittag den Katastrophenalarm nach 20 Stunden auf. Damit durften die Evakuierten endlich in ihre Häuser zurückkehren. Gleichwohl erfüllt der Störfall die Anwohner auch mit Sorge. Manch einer fragt sich, ob er nach dem Giftgasalarm nun noch seine Birnen aus dem Garten essen kann - allen Beschwichtigungen zum Trotz.

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