Neuer Generationenvertrag?

Ab nach Hause!

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Schwanewede - Die Kinder kehren zurück: Früher verließen junge Menschen das Elternhaus, sobald es möglich war – heute suchen sie die Nähe ihrer Eltern. Obwohl sie selbstbewusst und leistungsorientiert sind. Ein neuer Generationenvertrag?

Draußen rinnt der Regen die Klinkermauern hinab, drinnen gibt es Käsekuchen. Christin Ukas macht es sich auf dem weißen Ledersofa bequem, die Arme um die Knie geschlungen. Ihre Mutter Heidi bringt Latte macchiato, knipst warmes Licht an, setzt sich neben die Tochter. Sonntagnachmittagstimmung, wie bei einem lang ersehnten Familienbesuch. Aber weder ist Sonntag, noch ist Christin zu Besuch in ihrem Elternhaus in Schwanewede nahe Bremen. Die 25-jährige Studentin lebt hier, bei ihren Eltern, und Mutter-Tochter-Nachmittage wie dieser sind die Regel. Das einstige Kinderzimmer ist jetzt Studentenbude. Und so wie es ist, ist es gut, findet Christin Ukas. „Ich wohne aus Überzeugung immer noch zu Hause.“

Ein Satz, der in den Ohren älterer Semester seltsam klingen mag. Früher war es ja so: Mit 18 machte man den Führerschein, es folgte Ausbildung oder Abitur, und dann war man weg. Oder wenigstens weg aus dem unmittelbaren Einflussradius der Eltern. Vor 30 Jahren lebten etwa 20 Prozent der 25-Jährigen noch bei den Eltern – heute sind es beinah doppelt so viele. Noch nie sind junge Erwachsene so spät von zu Hause ausgezogen wie jetzt. Die Abnabelung vom Elternhaus ist kein Einschnitt mehr, sie ist ein Prozess, der sich über Jahre ziehen kann: Mehr als ein Zehntel der 30-jährigen Männer wohnt all inclusive im Hotel Mama. Viele von ihnen waren mal ausgezogen, kehrten aber wieder heim. Etwa nach dem ersten Studienabschluss, einem Jobwechsel oder dem Ende einer Beziehung. Die Forschung spricht von Bumerang-Kindern. Und sie spricht von einer Neuinterpretation des Generationenvertrages: Die Älteren bieten den Jungen Sicherheit und Stabilität, im Gegenzug werden sie aus erster Hand mit technischen und modischen Neuerungen versorgt.

Generationenvertrag – Christin Ukas mag das Wort nicht zur Umschreibung der Symbiose mit ihren Eltern. Zu kalt, zu technisch. „Ich wohne nicht aus finanziellen Gründen bei meinen Eltern – ich bin einfach ein Familienmensch.“ Christin ist eines jener Bumerang-Kinder. Sie zog von zu Hause aus, als sie ihr Studium in Oldenburg aufnahm – Mathe und Kunst auf Realschullehramt. Aber das WG-Leben war nichts für sie. Jede freie Minute verbrachte sie daheim in Schwanewede, das Heimweh war nach drei Jahren nicht mehr auszuhalten. Eines Tages, im Eiscafé, stellte Christin vorsichtig die Frage: „Mama, kann ich wieder bei euch einziehen?“ Was erwiderte die Mutter? „Klar!“, sagt Heidi Ukas, 45. „Es gibt doch für mich nichts Schöneres, als meine Kinder bei mir zu haben.“ Das Zusammenleben als Erwachsene sei entspannter als zu Teenie-Zeiten, finden beide. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe“, sagt Christin. „Aber ich möchte nicht, dass mein Kind für Kosten und Logis zahlt“, sagt Heidi Ukas.

Christin ist kein schüchternes Mädchen, das sich vor der Welt verstecken würde. Sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die mit einigem Stolz davon erzählt, wie sie es mit einer Hauptschulempfehlung auf die Realschule schaffte, sich aufs Gymnasium hocharbeitete und da allen Zweiflern zum Trotz stets Klassenbeste war. Sie sagt: „Ich will Lehrerin werden, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, was gut und wichtig ist im Umgang mit schwierigen Schülern. Und es ist ein sicherer Beruf.“

Der Schritt zurück zu den Eltern hat ihr Selbstbewusstsein nicht getrübt – weil sie darin keinen Rückschritt sieht. Und ihre Freundinnen? „Für die ist das nichts Besonderes – die meisten wohnen ja auch immer noch bei ihren Eltern.“ Und ihr Freund? „Der auch.“Ohne dass sie es sich zum Auftrag gemacht hätten, haben Christin und ihre Altersgruppe eine große Kontroverse unter Sozialwissenschaftlern und Publizisten entfacht: Wie tickt die junge Generation? Handelt es sich bei den 15- bis 30-Jährigen um überangepasste Opportunisten, um die „Generation Waschlappen“, wie manche spotten? Oder wachsen da „heimliche Revolutionäre“ heran, wie der renommierte Jugendforscher Klaus Hurrelmann meint? Er spricht lieber von der „Generation Y“ – englisch „why“ –, weil die jungen Leute stets nach dem Warum, nach dem Sinn einer ihnen abverlangten Leistung fragten. Ob nun Generation Y, Millennials oder Digital Natives: Die jungen Leute sind offenbar schwer zu durchschauen. Die Anlehnung an die Eltern bei gleichzeitig bemerkenswert positiver Selbsteinschätzung gibt Rätsel auf, von denen inzwischen Dutzende Bücher handeln.

Soziologen, Journalisten und Personalentscheider beobachten die Generation Y mit großem Eifer, wie durch eine Lupe – und eine Lupe brauchen sie, denn das Forschungsobjekt ist klein. Es ist die kleinste Generation, die Deutschland je hatte. Eine Minderheit, die in diesem alternden Land bald eine enorme demografische Last wird schultern müssen. Trotzdem geht sie nicht auf die Straße gegen eine Politik, die vor allem die gut situierten Babyboomer und die starken Nachkriegsjahrgänge bedient. Rente mit 63, Erweiterung der Mütterrente, horrende Staatsverschuldung – Gründe für Protest gibt es viele, aber die Generation Y bleibt daheim, bei den Eltern, wo es warm und kuschelig ist. Vielleicht ist das sogar eine clevere Strategie: vom Wohlstand der Eltern und Großeltern zehren, solange es noch geht.

Unter solchen Umständen fällt der viel beschworene Generationenkrieg aus. Kluge Minderheiten zetteln keine Kriege an – sie schmieden Bündnisse. Und die Helikopter-Eltern von heute, die überfürsorglich um ihre Kinder kreisen, sind willige Bündnispartner. Katarina Stein, Studienberaterin an der TU Dresden, sitzt dieser Allianz oft gegenüber. Junge Menschen bringen ihre Eltern mit zum Beratungsgespräch. Fast immer geht es um Sicherheit. „Die Fragen handeln nicht mehr so oft von Selbstverwirklichung im Job“, sagt die Beraterin, „Sicherheit ist eines der Hauptanliegen.“ Dabei „wissen die jungen Leute, dass sie ihr Leben nicht durchplanen können, sondern imstande sein müssen, kurzfristig zu reagieren und in der Flut von Optionen zurechtzukommen“.

Orientierung, Halt und Perspektive – Christin Ukas findet all das zu Hause bei ihren Eltern in Schwanewede. Sie hat nicht vor, in absehbarer Zeit auszuziehen. Und niemand drängt sie dazu.

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