Entführte Frauen in Cleveland

Nachbarn des Horrorhauses kritisieren Polizei

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Foto: In diesem Haus in Cleveland wurden die drei Frauen über Jahre gefangen gehalten.

Washington - Freude und Erleichterung in den USA nach der Befreiung von drei entführten Frauen. Auch die Eltern anderer Entführungsopfer machen sich nun Hoffnung. Unterdessen gerät die Polizei in die Kritik.

Die Befreiung dreier entführter Frauen aus jahrelanger Gefangenschaft hat in den USA Kritik an den Ermittlern ausgelöst. Nachbarn gaben an, die Polizei mehrmals auf eigenartige Vorgänge in dem Horrorhaus in Cleveland (Ohio) aufmerksam gemacht zu haben, wie Medien am Mittwoch berichteten. Die Polizei von Cleveland wies die Vorwürfe zurück. Sie teilte mit, die Frauen seien in dem Haus mit Fesseln und Stricken festgebunden gewesen und nur selten rausgelassen worden, meist kurz in den Garten. Die ausführliche Befragung der drei Opfer wurde den Polizeiangaben zufolge zunächst verschoben, damit die jungen Frauen ihre Familien wiedertreffen können.

Die drei festgenommenen Brüder sollten noch am Mittwoch angeklagt werden. Alle drei Verdächtigen müssten sich wegen Entführung, Freiheitsberaubung und Körperverletzung verantworten, sagten Rechtsexperten. Vermutlich komme zumindest auf einen von ihnen auch eine Anklage wegen Vergewaltigung zu. Eine der drei Frauen, Amanda Berry, hat eine sechsjährige Tochter, die während ihrer Gefangenschaft geboren wurde.

Polizei soll Notruf nicht ernst genommen haben

Angeblich wollen Anwohner in den vergangenen Jahren von "Frauen in Ketten" und "nackten, krabbelnden Frauen im Garten" berichtet haben. "Aber die haben das nicht ernst genommen", sagte Nachbarin Elsie Cintron über die Polizei. Nachdem ein Nachbar Amanda zur Flucht verholfen habe, sei auch ihr Notruf nicht ernst genommen worden. Von der Polizei hieß es, es seien in den vergangenen Jahrzehnten nur zwei Hinweise in Zusammenhang mit der betreffenden Adresse eingegangen und diese hätten beide nichts mit den vermissten Frauen zu tun gehabt. Ein Nachbar hatte am Montag Hilferufe gehört, Berry aus einem Spalt winken sehen und daraufhin die Tür eingetreten. Berry rief dann die Polizei an. "Amanda hier ist die echte Heldin", sagte der stellvertretende Polizeichef Ed Tomba. "Sie hat die Sache ins Laufen gebracht. (...) Ohne sie wären wir jetzt nicht hier."

Die 27 Jahre alte Berry war als 16-Jährige verschwunden. Sie traf am Mittwoch mit ihrer Tochter Jocelyn im mit Ballons geschmückten Haus ihrer Schwester Beth ein. Diese bat das draußen wartende Heer von Journalisten, die Privatsphäre der Familie zu respektieren. Die Polizei befreite neben Berry und der kleinen Jocelyn auch zwei weitere Frauen aus dem Haus: Gina DeJesus und Michelle Knight, heute 23 und 32 Jahre alt sind.

Heimkehr unter Jubelrufen

Die damals 14-jährige DeJesus verschwand am 2. April 2004 auf dem Heimweg von der Schule. Auch sie kehrte am Mittwoch heim - in ihr Elternhaus, das sie zuletzt vor neun Jahren gesehen hatte. Das Gesicht mit der Kapuze ihrer Jacke verhüllt, wurde sie unter "Gina, Gina"-Jubelrufen ins Haus gebracht. Knight wurde seit 2002 vermisst. Sie befand sich am Mittwoch noch in einem Krankenhaus. Medien zitierten eine Kliniksprecherin mit den Worten, sie sei aber in guter Verfassung.

Der 52 Jahre Hausbesitzer Ariel Castro, der Hauptverdächtige, und seine zwei 50 und 54 Jahre alten Brüder saßen in Untersuchungshaft. Die Richter gaben der Polizei 48 Stunden Zeit, um die Vorwürfe gegen die Männer konkreter zu machen. Wie die Frauen festgehalten und ob sie sexuell missbraucht wurden, wollte die Polizei zunächst nicht sagen. Insgesamt gab es zunächst kaum Angaben über die Umstände, unter denen die Frauen gefangen gehalten wurden. Nachbarn beschrieben Ariel Castro in der "New York Times" als einen Mann, der ganz normal erschienen sei. Er habe von seiner Veranda aus Passanten zugewinkt, sich gern unterhalten und in einer Latino-Band mitgespielt.

CNN zufolge ist Ariel Castro ein ehemaliger Schulbusfahrer, der wegen "schlechten Urteilvermögens" gefeuert worden sei. Er soll seine Frau schwer misshandelt haben, wie aus Gerichtspapieren aus dem Jahr 2005 hervorgehe. Demnach erlitt die Frau unter anderem Rippenbrüche und ein Blutgerinnsel im Gehirn. Beide Schultern seien ausgekugelt gewesen. Ermittler suchten unterdessen das Haus und die Umgebung nach weiteren möglichen Entführungsopfern ab. Knight sagte Medienberichten zufolge aus, dass es vor etwa zehn Jahren noch eine weitere Frau unter ihnen gegeben habe, aber sie sei dann verschwunden. Dem Sender CNN zufolge fand die Polizei in dem Haus keine sterblichen Überreste eines möglichen weiteren Entführungsopfers.

Berichte über mögliche weitere Schwangerschaften der Frauen beschäftigen die Polizei ebenfalls: Der Lokalsender ABC Channel 5 News berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, eine der Frauen habe zwei oder drei Fehlgeburten erlitten. Eine andere Quelle sprach von bis zu fünf Schwangerschaften der Opfer, so der Sender. Unterstützung kam von einem anderen ehemaligen Entführungsopfer: Jaycee Lee Dugard. Die Frauen brauchten nun Zeit für die Heilung, wurde Dugard in der "Los Angeles Times" zitiert. Dugard war 1991 als Mädchen entführt und 18 Jahre lang gefangen gehalten worden. "Gestern ist ein weiteres Wunder geschehen", sagte Dugards Mutter Terry Probyn am Dienstag bei einer Preisverleihung, bei der ihre Tochter die Auszeichnung einer Hilfsorganisation für entführte Kinder erhielt. Das glückliche Ende von Cleveland habe ihn darin bestätigt, dass man nie die Hoffnung aufgeben sollte, sagte John Walsh, der Mitbegründer des Zentrums für vermisste und ausgebeutete Kinder.

dpa

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