Um bis zu 20 Prozent

Nachfrage nach Pferdefleisch in Niedersachsen gestiegen

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Foto: „Viele Kunden wollen einfach mal probieren“: Auslage beim Pferdeschlachter.

Hannover - Wann hat es das schon einmal gegeben? Nach einem Lebensmittelskandal bricht die Nachfrage nach einem betroffenen Produkt in der Regel dramatisch ein. Jetzt ist genau das Gegenteil der Fall. Seit der Debatte um falsch deklarierte Tiefkühllasagne steigt plötzlich der Pferdefleischumsatz.

Sowohl die Rossschlachtereien in Niedersachsen als auch die wenigen Restaurants, die noch Pferderouladen oder rheinischen Sauerbraten aus Pferdefleisch auf der Karte haben, berichten von vielen Kunden und Gästen, die jetzt nach der Spezialität fragen.

Raimund Ott von der Altdeutschen Bierstube in Hannover schätzt, dass er mindestens zehn Prozent mehr Pferderouladen serviert hat, seit die falsch deklarierte Lasagne und vom Markt genommene Buletten in die Schlagzeilen gerieten. Während der CeBIT habe er einen richtigen Pferdefleisch-Boom erlebt, sagt der Altstadt-Gastronom.

Einen Mangel an Pferdefleisch gibt es nicht. 48 Fleischereien in Niedersachsen haben eine amtliche Erlaubnis, Pferde zu schlachten. Frank Dohrmann, einziger Pferdeschlachter in Bremen, hat 70 verschiedene Produkte aus Pferdefleisch im Angebot. Er stellt alles im eigenen Betrieb her und schlachtet in jedem Jahr bis zu 250 Pferde. „Vom Pony bis zum Kaltblüter ist alles dabei“, sagt er, „Niedersachsen ist Pferdeland und liegt direkt vor unserer Haustür.“

Auch auf den Märkten im Lande und in der Markthalle in Hannover sind die Folgen des Lasagne-Skandals mit den Händen zu greifen. Vor allem Pferdewürstchen sind begehrt. „Viele Kunden wollen einfach mal ausprobieren, was früher ganz selbstverständlich gegessen wurde“, sagt Hermann Knoche in Helmstedt. Er schätzt seinen Umsatzzuwachs seit Mitte Februar auf zehn Prozent und mehr. „Pferdefleisch ist gesund“, sagt er, „denn anders als Schweine fressen Pferde längst nicht alles.“ Offenbar gibt es derzeit nicht nur in Niedersachsen eine starke Nachfrage auf Pferdefleisch. In Bayern sind so viele Verbraucher durch den Lasagne-Skandal neugierig geworden, dass einzelne Fleischer jetzt von einem um 40 Prozent gestiegenen Umsatz sprechen. Ähnlich ist die Nachfrage-Entwicklung in Berlin und Brandenburg.

Dennoch wird das Pferdefleisch in Deutschland ein Nischenprodukt bleiben. Der Pro-Kopf-Kopf-Verzehr, der während und nach dem Zweiten Weltkrieg bei mehreren Kilogramm pro Jahr lag, ist nach Schätzungen des Deutschen Fleischer-Verbandes auf weniger als 100 Gramm geschrumpft. Zum Vergleich: Jeder Bundesbürger aß im vergangenen Jahr 59,6 Kilogramm Fleisch. Davon stammten rund 38 Kilogramm von Schweinen. In Niedersachsen werden pro Monat zwischen 120 und 158 Pferde geschlachtet, 2011 waren es insgesamt 1864. Doch der Bedarf kann damit nicht gedeckt werden. Viele Wursthersteller importieren deshalb Pferdefleisch aus Kanada, den USA und Argentinien.

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