Bombenangriff vor 70 Jahren

Die Nacht, in der Dresden unterging

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Ein Meer von Schutt und Trümmern: Das Bild aus den Fünfzigerjahren zeigt die Aufräumarbeiten vor der zerstörten Frauenkirche - im Hintergrund ist das Rathaus zu erkennen.

Dresden - Heute vor 70 Jahren wurde die sächsische Metropole von Bomben zerstört – ein Ereignis, an das auf ungewöhnliche Weise erinnert wird. Eine Kranzniederlegung am Heidefriedhof gibt es diesmal nicht.

Die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof, etwas außerhalb der Innenstadt, ist diesmal aus dem Programm gestrichen worden. In den vergangenen Jahren hatten sich am ­ 13. Februar immer wieder Rechtsradikale unter die Besucher gemischt und versucht, diese Kulisse für ihre Parolen zu nutzen. Nun geht die Stadt Dresden andere Wege, mit einem „neuen Konzept“: Weniger die traditionelle Form der Trauerveranstaltung, mehr Erinnerung an das Geschehene.

Vielleicht ist das auch deshalb möglich, weil die Zahl der Überlebenden immer kleiner wird. 70 Jahre ist es heute her, dass amerikanische und britische Bomber Dresden in Schutt und Asche gelegt haben. Am 13. Februar 1945 wähnten viele Menschen den Krieg schon fast vorüber und - aus deutscher Sicht - verloren. Würden die West-Alliierten diese wunderschöne Stadt mit ihrer berühmten Kulisse, die einst der Maler Canaletto verewigt hatte, wirklich vernichten wollen? Luftschutzbunker gab es nur wenige, ein weiterer Beleg dafür, dass sich die Angst vor Luftangriffen in Grenzen hielt. Zumindest zu diesem Zeitpunkt.

Erniedrigung des deutschen Volkes

In unzähligen Büchern und Untersuchungen wird eine Antwort auf die Frage gesucht, warum Dresden in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges noch bombardiert wurde. Gerade Dresden, gerade im Februar 1945. Die einen sagen, die Stadt sei als großer Bahnumschlagsplatz ein Zentrum der Kriegswirtschaft gewesen, also ein militärisch lohnendes Ziel. Die anderen verweisen auf die Strategie des britischen Premierministers Winston Churchill, der die Moral und den Widerstandsgeist der Deutschen habe brechen wollen. Es sei also in Wahrheit um die Erniedrigung des deutschen Volkes gegangen.

Der Zusammenhang mit der Konferenz von Jalta, die zwei Tage vor dem 13. Februar endete, verdient Beachtung: Churchill, Stalin und Roosevelt hatten auf der Krim die Aufteilung der Machtsphären in einem Europa nach Deutschlands Niederlage besprochen. Die Sowjetunion soll die westlichen Alliierten dazu gedrängt haben, wichtige Verkehrsknotenpunkte im Osten Deutschlands zu bombardieren, damit ein deutscher Nachschub an die Ostfront unterbunden und damit die Rote Armee im Kampf gegen die Deutschen entlastet wird. Doch nicht nur die Verkehrswege wurden dann getroffen, sondern die ganze Stadt Dresden. Bei der zweiten Angriffswelle in den frühen Morgenstunden des 14. Februar wurden Feuerwehrzüge zerstört, die Löscharbeiten waren damit unmöglich geworden. Häuser brannten, Menschen erstickten oder kamen in den Flammen um.

Stadt sieht sich bis heute als Opfer

Heute sprechen viele von einem „Opfermythos“, auch der frühere Oberbürgermeister Herbert Wagner, der seit den Sechzigerjahren in der Stadt lebt und nach der friedlichen Revolution 1989 an die Spitze der Stadtverwaltung gewählt wurde. Die ganze Stadt sehe sich bis heute als Opfer - und über Jahrzehnte sei dies zu Propagandazwecken missbraucht worden, aus den unterschiedlichsten Richtungen. Wagner hat noch eine DDR-Postkarte aus den achtziger Jahren, die das alte Dresden aus der Zeit vor 1945 zeigt. „Dresden vor der Zerstörung durch anglo-amerikanische Bomber“ ist darauf zu lesen. Der frühere Oberbürgermeister erinnert sich, dass zu DDR-Zeiten ein Anti-Amerikanismus gepflegt wurde, immer auch verknüpft mit dem Hinweis auf den 13. Februar 1945. Als der SED-Staat in sich zusammengefallen war und alle politischen Kräfte sich frei äußern konnten, pilgerten Rechtsextremisten aus ganz Deutschland immer wieder gern nach Dresden. Sie marschierten, als einer der Ihren, der Dresdner Rainer Sonntag, 1991 im Streit um eine Schutzgelderpressung ermordet wurde. Und sie kamen immer wieder, wenn am 13. Februar an die Bombardierung erinnert wurde. Die Rechtsextremen konnten einerseits wissen, dass sie auf eine latente anti-amerikanische Haltung vor allem vieler älterer Dresdner setzen konnten - begründet mit den Ereignissen 1945. Zum anderen reizten sie auch immer wieder die linke Szene zu Gegenprotesten, und nicht nur die aus Sachsen. Regelmäßig ist die Polizei am 13. Februar in Dresden zu Großeinsätzen gefordert, um Demonstranten und Gegendemonstranten voneinander abzuschirmen. So wird es wohl auch heute wieder sein.

Aber dieser 70. Jahrestag ist doch etwas anders als all die anderen in der Vergangenheit. Er kommt zu einer Zeit, in der sich die Stadt Dresden mit massiven Imageproblemen konfrontiert sieht. Die Pegida-Bewegung, die bundesweit Aufsehen erregte, aber nur in Dresden eine beachtlich große Anhängerschaft mobilisieren konnte, speist sich zu einem guten Teil aus Stimmungen und Haltungen, die auch rund um das Gedenken zum 13. Februar eine Rolle spielen.

Pegida schürt Verschwörungstheorie

Am Rande von Pegida-Demonstrationen war immer wieder von einer angeblichen Verschwörung zu hören: Politik und Medien spielten unangenehme Wahrheiten herunter, um das Volk zu verdummen. Schon lange vor Pegida geisterte dieser Vorwurf bundesweit durch Leserbriefspalten, wenn die Rede auf die Opferzahlen vom 13. Februar 1945 kam. Eine Kommission der Stadt hat 2010 alle Aktenbestände überprüft, um die Zahl der Einwohner Dresdens zum Zeitpunkt des Angriffs möglichst genau zu bestimmen. Höchstens 25.000 Menschen seien bei der Bombardierung ums Leben gekommen, hieß es. Aber stimmt das? Oder ist die Zahl dramatisch zu niedrig? Lange vor und auch noch nach dieser Untersuchung gab es immer wieder Menschen, die dieser Darstellung vehement widersprachen und auf die vielen Flüchtlinge verwiesen, die in den letzten Kriegswochen aus dem Osten kamen und in Dresden Quartier bekommen hatten - ohne dass ihre Namen in den Akten vermerkt worden wären.

Bis heute gibt es Zeitzeugenberichte in Hülle und Fülle. Wobei manches davon in Details zweifelhaft ist. Ob tatsächlich britische Tiefflieger Menschen gejagt haben, die vor den Flammen flohen? Das ist wohl sehr fraglich. Ob wirklich Phosphor abgeworfen wurde? In Hamburg, beim Feuersturm im Sommer 1943, war das so - in Dresden aber vermutlich nicht. Überhaupt kamen in Hamburg wohl 35 000 Menschen ums Leben, mehr als - nach amtlichen Schätzungen - in Dresden. Trotzdem bewegt das Schicksal der Dresdner die Menschen viel stärker, sind die Wunden dieses Ereignisses viel tiefer.

Einer, der davon erzählen kann, ist Niedersachsens früherer Wirtschaftsminister Walter Hirche. Der 13. Februar 1945 war sein vierter Geburtstag, Hirche lebte damals bei seiner Großmutter in Oelsnitz im Erzgebirge, 80 Kilometer westlich von Dresden. Am Morgen des Tages sah er, wie die Wiesen brannten - weil die Flugzeuge überschüssige Bomben, die sie in Dresden nicht mehr brauchten, dort auf dem Flug zurück abgeworfen hatten. „Dieses Bild hat sich bei mir eingeprägt, jahrelang habe ich noch von diesem Feuer geträumt“, sagt Hirche. Er ist einer von den vielen, die die Bilder dieser Bombardierung nie vergessen konnten.

Der frühere Oberbürgermeister Wagner sagt, Dresden müsse „Schritt für Schritt“ einen neuen Schwerpunkt in seiner Erinnerungskultur setzen: „Etwas weniger 13. Februar, etwas mehr 8. Oktober.“ Am 8. Oktober 1989 haben die Dresdner Demonstranten den Dialog mit der SED-Führung erzwungen - noch vor den Leipzigern. Die Erinnerung daran ist bisher nur nicht sehr ausgeprägt.

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