Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf

Nazi-Propaganda erneut übertönt

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Polizisten lösen eine Sitzblockade gegen die Neonazis auf. Insgesamt verläuft der Protest aber friedlich.

Bad Nenndorf - Etwa 400 Menschen haben am Sonnabend gegen einen Aufmarsch von knapp 60 Neonazis in Bad Nenndorf demonstriert. Rund 700 Polizisten waren im Einsatz, ernsthafte Zwischenfälle blieben aus.

Die Rechtsradikalen verbreiteten am Winckler-Bad geschichtsrevisionistische Thesen, die wegen lautstarker Protestrufe kaum an die Ohren der Umstehenden drangen. Der Zweite Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf in diesem Jahr hat aus Sicht der Initiatoren damit sein Ziel nur bedingt erreicht: Zwar gelang es den Gegendemonstranten diesmal nicht, die Kundgebung wie am 3. August mit Sprechchören und Musik zu übertönen. Mit ihrer Intention, die eigenen Botschaften unter Bad Nenndorfer Bürgern zu verbreiten, scheiterten die Nazis aber ebenso. Indes kündigten deren Redner an, das Bad Nenndorfer Winckler-Bad weiter als Aufmarschort zu nutzen. Wann dies wieder der fall sein soll, ging allerdings im Lärm der Gegendemonstration unter.

Der Protestzug des bürgerlichen Lagers hatte sich um 11 Uhr in der Fußgängerzone gesammelt, nach mehreren Kundgebungsstationen, unter anderem am Holocaust-Mahnmal (siehe Bericht), trafen die etwa 250 bürgerlichen Demonstranten vor der Synagoge der jüdischen Gemeinde Bad Nenndorfs mit knapp 100 Vertretern des linken und linksextremen Spektrums zusammen.

Zu der Zeit hatten sich bereits zahlreiche Nazi-Gegner unterschiedlicher Herkunft bei einer „Privatfeier“ in einem Imbiss gegenüber dem Winckler-Bad eingefunden. Von dort aus störten sie die Neonazi-Kundgebung mit Musik und Sprechchören, zudem fand sich etwa ein Dutzend Gegendemonstranten an der Poststraße ein, um die Rufe der Gesinnungsgenossen von der dortigen Absperrung aus lautstark zu erwidern.

Derart in die akustische Zange genommen, ließen sich die Neonazis zwar nicht beirren und wickelten ihr Programm offenbar nach Plan ab. Dies lag aber auch daran, dass die Polizei einen versteckten Lautsprecher deutlich früher aufstöberte als im August. Diesmal dröhnte das „Lied der Schlümpfe“ nur wenige Minuten lang, vor drei Monaten hatte die Polizei etwa eine Dreiviertelstunde gesucht, ehe sie den Lautsprecher auf einem der Privatgrundstücke nahe dem Winckler-Bad aufstöberte. Blockadeversuche starteten die Gegendemonstranten nicht, sodass sich keine nennenswerten zeitlichen Verzögerungen ergaben. Nur eine Viertelstunde verspätet, um 14.15 Uhr, begann die rechte Kundgebung, die um Punkt 16 Uhr endete.

Aus dem linksextremen Spektrum blieben Ansätze zur Gewalt aus. Polizeipressesprecher Axel Bergmann bewertete den Einsatztag als reibungslos verlaufen. Lediglich ein linker Demonstrant kassierte eine Anzeige, weil er zunächst einen Rechten beleidigt und anschließend einen Polizisten bespuckt hatte. Einziger Makel der Polizei-Bilanz: bei der Anfahrt zum Einsatzort wurde ein Streifenwagen der Polizei in einen Unfall verwickelt. Die vier Insassen erlitten Verletzungen und wurden nach Behandlung im Krankenhaus Stadthagen nach Hause geschickt.

Von Guido Scholl

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