Dumm gelaufen

Neonazis marschieren für Ausländer

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Foto: In Wunsiedel in Bayern verwandelten die Bürger erstmals einen Neonazi-Aufmarsch in einen Spendenlauf – und ermunterten die Rechten mit ironischen Parolen.

Weißenfels - Ein unfreiwilliger Spendenlauf: Für jeden Meter, den Neonazis bei einer Demonstration in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) gelaufen sind, haben Bürger Geld gespendet – für genau jene, gegen die die Rechtsextremisten demonstrieren. Ein Protestmodell für die Zukunft?

„Wir sollen hier die Ausländer durchfüttern? Da kommt mir das glatte Kotzen“, dröhnt es knarzend aus den Lautsprechern. Rund 150 Menschen stehen um den kahlrasierten Mann, der Parolen ins Mikrofon brüllt, große Gestalten in Schwarz.

Die Bürger von Weißenfels bleiben auf Distanz zum Aufmarsch der Neonazis in ihrer Stadt. Aber ein Einzelner traut sich, seine Stimme zu erheben: „Kannst du nicht mal das sagen, ohne vom Manuskript abzulesen?“, fragt ein 1,60 Meter großer Mann mit höhnischer Stimme und stellt sich auf die Zehenspitzen. Sofort recken zehn schwarze Männer die Hälse vor und grölen. Stille. Kurz danach setzt sich der Trupp wieder in Bewegung. Die rechten Fäuste in Richtung des strahlend blauen Himmels gereckt, skandieren 150 Kehlen, dass sie keine Asylbewerberheime wollen – immer wieder, auf fast jedem der 7000 Meter, die sie am Sonnabend laufen.

Doch der kleine Zwischenruf ist nicht das einzige Zeichen, dass die Stadt am südlichen Zipfel von Sachsen-Anhalt gegen den fremdenfeindlichen Aufmarsch setzt. Für jeden Meter, den die Neonazis an diesem Tag laufen, haben Bürger zuvor 50 Cent gespendet – für genau jene, gegen die die Rechtsextremisten demonstrieren. Durch die Aktion „Jeder Meter zählt“ gehen 3500 Euro an in Weißenfels untergebrachte Flüchtlinge. Die Neonazis wollten gegen Flüchtlinge demonstrieren. Jetzt unterstützen sie sie.

Wunsiedel findet Nachahmer

Das Projekt Wunsiedel hat damit seinen ersten Nachahmer gefunden. Die Aktion ging um die Welt: In der bayerischen Stadt wurde vor drei Wochen ein sogenannter Trauermarsch der Neonazis erstmals in einen Spendenmarsch umgewandelt. Rechts lief gegen Rechts. Für jeden Meter, den der Trupp zum Gedenken an den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß unterwegs war, spendeten Unternehmen und Bürger. Das Ergebnis: 10.000 Euro kamen für Exit Deutschland zusammen, ein Aussteigerprogramm aus der rechten Szene. Man könnte sagen: dumm gelaufen. Leichter und witziger kann eine Aktion gegen rechtsradikale Stimmungsmache kaum sein. Doch kann das Projekt Wunsiedel zum Prinzip der Demonstrationen gegen Rechtsextremisten werden?

In Weißenfels wirft an diesem Sonnabend die Sonne ihre Strahlen auf den kleinen Weihnachtsmarkt. Nikolaus-Tag. Von den Buden auf dem Marktplatz schwebt der süßlich-klebrige Geruch von gebrannten Mandeln in Richtung des Standes vom Bündnis für Toleranz der 40.000-Einwohner-Stadt. Ein Handvoll Menschen hat sich hier versammelt und klärt über die Situation von Flüchtlingen in der Region auf. Dass die Menschen hier schon dezentral untergebracht werden. Dass mit den Spenden etwa Deutschkurse finanziert werden sollen.

Nährboden für Fremdenfeindlichkeit

Auch Weißenfels ist kein Idyll der Fremdenfreundlichkeit. „Es besteht die Gefahr, dass die Demo der Rechten an die Ressentiments der Menschen anknüpft“, warnt Katja Henze, Integrationsbeauftragte der Stadt. In den schon nicht mehr ganz so neuen Bundesländern haben viele nach wie vor große Vorbehalte gegen Flüchtlinge. Dabei gibt es hier, anders als in den alten Ländern, kaum einen Landstrich, in dem der Ausländeranteil die Zwei-Prozent-Hürde überspringt. Aber gerade hier verbreiten die Rechtsradikalen ihre Parolen – und finden viel zu oft Gehör.

„Wir sind das Volk“, brüllt der Mann ins Mikrofon, während der Demonstrationszug die Markierung „Danke für 2500 Euro“ überschreitet und an renovierten Altbauten nahe an der idyllischen Innenstadt vorbeiläuft. Der Ruf der friedlichen Revolution wird umgewandelt. Wie es bereits in Dresden durch die sogenannten Pegida-Demonstrationen („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) geschehen ist.

Doch anders als in der sächsischen Landeshauptstadt, ist auf den Weißenfelser Straßen kein breiter Gegenprotest zu sehen. Gerade mal sieben Jugendliche haben die Rechtsradikalen zum Beginn ihres Marsches am Bahnhof „begrüßt“. Die Gesichter hinter dunklen Tüchern versteckt, stehen sie rund 100 Meter hinter den zahlreichen Polizisten, die den Demonstrationszug begleiten. „Wir sehen uns dann später“, rufen die Jugendlichen übermütig. Die Neonazis antworten mit höhnischem Gelächter.

Der offene Widerspruch, die Konfrontation ist anscheinend nicht die Sache der Weißenfelser. Kann der Spendenlauf gegen die Neonazis dann vielleicht die Protestform für die etwas Zögerlicheren sein?„Viele Menschen haben die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf – und haben Angst“, erklärt Oberbürgermeister Robby Risch, weshalb kaum Menschen als Gegendemonstranten auf der Straße sind. Im Oktober attackierten in Köln enthemmte Hooligans Passanten, nur mit Mühe hielt die Polizei später in Hannover einen ähnlichen Aufmarsch in Schach. Die „Hooligans gegen Salafisten“ entstammen auch der rechten Szene. Manch ein engagierter Bürger, der sich für Flüchtlinge einsetzt, befürchtet gar, dass sich die Krawalle von Rostock-Lichtenhagen 1992 wiederholen könnten.

Es wäre wohl jedenfalls zu einfach, die Zurückhaltung der Weißenfelser auf den Straßen als stille Duldung der Rechtsextremisten zu verstehen. „Schlimm. So etwas ist schlimm“, sagt eine ältere Frau, die mit einigem Abstand zu der Demonstration in Richtung Weihnachtsmarkt läuft. Stadtrat Jörg Freiwald berichtet am Stand des Weißenfelser Toleranz-Bündnisses von einem Kreis sehr aktiver Frauen. Die Damen im Alter von 60 bis 83 Jahren hätten erklärt, dass sie nicht mehr im richtigen Alter seien, um auf der Straße zu demonstrieren. Stattdessen haben sie spontan 100 Euro für den Spendenlauf gegeben. „Das Anliegen ist ihnen extrem wichtig“, erklärt der Linken-Politiker Freiwald. Er ist sich sicher, dass ein starkes Zeichen von dem Protest ausgeht – auch an die Weißenfelser selbst.

„Spendenmärsche sind Bereicherung“

Der Berliner Protestforscher Dieter Rucht sieht in den unfreiwilligen Spendenmärschen der Rechtsextremisten eine Bereicherung. „Sie fallen aus dem Rahmen und erreichen mit bescheidenen Mitteln einen maximalen Effekt“, erklärt er.Neue Protestformen, sagt er, hätten es fast naturgemäß schwer. Die Lichterketten zum Beispiel trafen in den neunziger Jahren auf eine riesige Resonanz. Allein in München gingen 1992 mehr als 400 000 Menschen auf die Straße. Lichterketten gab es kurz darauf in fast allen größeren deutschen Städten.

Bald darauf ebbte die Welle der Lichterketten jedoch wieder ab – und auch Ruchts Prognose für den Fortbestand der Spendenmärsche ist nicht sonderlich optimistisch. Die Aufmerksamkeit für solche neuen Aktionen nehme im Lauf der Zeit einfach ab, erklärt der 68-Jährige. Andererseits seien Aktionen wie in Wunsiedel oder Weißenfels mehr als nur ein Strohfeuer. Der Wille zum Protest sei vorhanden. „Und man weiß nicht, welche Spuren dies in den Herzen und Köpfen der Menschen hinterlässt.“

In Weißenfels wollen viele Menschen jedenfalls noch ein Zeichen setzen. Am Abend, als die Neonazis fort sind, kommen 150 Bürger zum Weihnachtsmarkt. Sie halten Kerzen in den Händen – und haben jene dazu eingeladen, die sie mit der Aktion unterstützen wollen: die Flüchtlinge, die in den vergangenen Wochen nach Weißenfels gekommen sind.

Von Matthias Pöls

„Das hat sie sehr geärgert“

Herr Wagner, Sie haben mit „Exit Deutschland“ Mitte November den ersten unfreiwilligen Spendenlauf von Neonazis in Wunsiedel initiiert. Aus Ihrer Sicht ein Erfolg?

Unser Team, ein Partner und ein ehemaliger Neonazi haben ihn zusammen erdacht. Die Aktion in Wunsiedel hat wie erhofft für Diskussionen in der Szene und in der Gesellschaft allgemein gesorgt.

Wie haben die Aktionen auf die rechtsradikale Szene gewirkt?

Die Aktion „Rechts gegen Rechts“ hat sie sehr geärgert. Jetzt heißt es zunächst abzuwarten, welche Strategie sie entwickeln, um eventuell das letzte Wort zu haben. Vor Ort haben die Teilnehmer des Aufmarsches auch erst einmal überlegen müssen, wie sie mit der Situation umgehen. Sie waren irritiert und haben dann versucht, das irgendwie durchzustehen. Der Überraschungseffekt war natürlich enorm, auch weil wir alles bis zum Schluss geheim halten konnten.

Was macht den Erfolg dieser Aktion aus?

Jeder, der ein Zeichen setzen will, kann das bei dieser Art des Protests tun, indem er einen Betrag spendet. Für jeden Meter, den die Rechten bei ihrem Aufmarsch laufen, gehen 10 Euro an unsere Aussteigerinitiative. So wird die rechtsradikale Demonstration komplett konterkariert. Wenn ich ein rechtsradikaler Führer wäre, würde ich mir überlegen, ob diese Form der Darstellung noch die richtige ist. Das ist für die Diskussion in der rechtsradikalen Szene nicht unerheblich.

Wie kam die Aktion bei den Wunsiedelern an?

Die Wunsiedeler haben eine neue Form des Gegenprotests gesucht, nicht mit Gewalt und Blockade. Unser Vorschlag schien ihnen sehr sinnvoll, vor allem aufgrund der neuen Form. Die Wunsiedeler sowie unsere Partner vor Ort waren von Anfang an sehr engagiert bei der Umsetzung der Aktion.

Kann diese Art des Protests ein dauerhaftes Format sein?

Wir wollen das Wunsiedel-Projekt abschließen und ein stabileres Format entwerfen. Das könnten dann auch Kommunen und Initiativen nutzen. Die Grundidee steht, an den Details wird gerade gearbeitet. Erst mal wollen wir die Homepage „rechts-gegen-rechts.de“ aktualisieren und Tipps zur Organisation eines solchen Spendenlaufs geben.

Interview: Matthias Pöls

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