Bad Fallingbosten

Ein Neuanfang mit den Flüchtlingen

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Bad Fallingbostel - Vor zwei Monaten verließen die Briten Bad Fallingbostel, viele Gebäude stehen leer. Jetzt kommen die Asylsuchenden in den Ort und sorgen für Veränderung. Was bedeutet das für den Ort?

Der Terminplan ist eng, den Bürgermeisterin Karin Thorey derzeit abarbeiten muss. „Es sind bewegte Zeiten“, sagt die Stadtherrin von Bad Fallingbostel mit einem leichten Seufzer. Tatsächlich erlebt der Heideort in diesem Jahr ein Auf und Ab, das nicht alltäglich ist: Stand die erste Jahreshälfte noch ganz im Zeichen des Abschieds von 4500 Angehörigen der britischen Streitkräfte, ist nun im nahe gelegenen Camp Oerbke innerhalb von einer Woche die größte Flüchtlingsunterkunft Niedersachsens entstanden. Und demnächst soll möglicherweise noch ein Verteilknoten auf dem Kasernengelände aufgebaut werden, von wo aus Flüchtlinge in ganz Norddeutschland verteilt werden sollen. Neue Perspektiven – doch was das für Bad Fallingbostel bedeutet, ist vielen noch nicht klar.

Früher Soldaten, heute Flüchtlingskinder

1400 Flüchtlinge sind mittlerweile im Camp Oerbke untergebracht, in dem früher Nato-Truppen stationiert waren. Acht Kasernengebäude, die einen riesigen Asphaltplatz umrahmen. Wo früher Soldaten das Marschieren übten, spielen jetzt Flüchtlingskinder Ball – trotz des kühler werdenden Septemberwetters mit kurzen Hosen. Um die Flüchtlinge für den kommenden Winter auszurüsten, gibt es in der Kaserne eine Kleiderausgabe. Im Inneren herrscht hektisches Treiben, Frauen und Kinder laufen mit Schuhen und Hosen in der Hand herum. Der Andrang ist groß, zwei Helfer sorgen für einen geordneten Einlass.Zwei von sehr vielen Helfern. „Die Hilfsbereitschaft ist groß“, sagt Fallingbostels Bürgermeisterin Thorey. „Ich sehe die jeden Tag dorthin pilgern.“ Die Bereitschaft der Menschen könnte bald sogar noch stärker gefordert werden, denn neben der Nato-Kaserne Oerbke könnte auch die Kaserne Camp Fallingbostel mit Flüchtlingen belegt werden. Die steht zwar schon größtenteils leer, doch hier haben immer noch die Briten einen Mietvertrag, die Verhandlungen laufen. Am Ende könnten es 3000 Flüchtlinge in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bad Fallingbostel sein, manche rechnen sogar mit 6000 Flüchtlingen. „Das halte ich allerdings nicht für seriös“, bremst Thorey die Spekulationen.

Dabei hat nach dem Abzug der Briten erst mal alles nach großem Leerstand ausgesehen. Im Mai gab es eine Abschiedsparade in der Stadt, bis zum Ende des Jahres sollten die 4500 Männer und Frauen weg sein. Eine Katastrophe für die Kleinstadt, auch wirtschaftlich: Ein Gutachten prophezeite Fallingbostel einen Umsatzrückgang von 23 Prozent oder 30 Millionen Euro.

Chancen für Bad Fallingbostel

Der Wegzug der Briten könne durch den Zuzug der Flüchtlinge nicht ausgeglichen werden, betont die örtliche Landtagsabgeordnete Gudrun Pieper (CDU). „Die Stimmung in der Stadt ist auf die Wohnungen bezogen.“ Rund die Hälfte der britischen Soldaten lebten zuletzt nicht mehr in der Kaserne, sondern im Zentrum von Fallingbostel – und diese Wohnungen bleiben weiterhin leer.Wirtschaftlich allerdings könne die Stadt durchaus in Teilen profitieren, meint Pieper: Bäcker, Lebensmittelhändler oder auch Tischler, die jetzt sehr gefragt sein dürften, um die Kasernen herzurichten, „das sehe ich schon“, sagt die Landtagsabgeordnete. Auch Thorey ist überzeugt, dass der Flüchtlingszuzug sich wirtschaftlich auf die Stadt auswirkt. Schließlich müssten die vielen Menschen ihren Bedarf irgendwo decken. „Ich sehe die Menschen immer mit ihren Plastiktüten an meinem Fenster vorbeiziehen.“

Noch hatte niemand so richtig Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen, alles musste sehr schnell gehen. Nur wenige Tage hatten die Helfer Zeit, sich auf die Ankunft der Flüchtlinge vorzubereiten. Dabei halfen die bestehenden Strukturen des Kasernengeländes wie das Lazarettgebäude, das für die medizinische Versorgung genutzt wird. „Das ist Luxus, ansonsten müssten wir das in Zelten machen“, sagt der stellvertretende Camp­leiter der Johanniter, Michael Grunwald. Die Räume aber mussten den Bedürfnissen der Notunterkunft angepasst werden. Einen einfachen Werkzeugwagen aus dem Baumarkt haben die Helfer zu einem Medizintisch umfunktioniert. Ein anderer Raum ist als Apotheke für die Lagerung von Medikamenten eingerichtet. Die Behandlungskapazitäten in der Notunterkunft sind aber begrenzt. Flüchtlinge, die ansteckende Krankheiten mitbringen, werden deshalb sofort an Krankenhäuser überwiesen. Ohne freiwillige Helfer geht es nicht. „Die Hilfsbereitschaft ist wirklich großartig“, sagt Antje Heilmann von den Johannitern.

Die Menschen in Oerbke sehen die neuen Nachbarn „erstaunlich gelassen“, so Bezirksvorsteher Andreas Ege. Lediglich 350 Einwohner zählt Oerbke. „Jeder hier hat in irgendeiner Form einen Migrationshintergrund, deshalb sind die Menschen hilfsbereit.“

Von Heiko Randermann 
und Sabine Gurol

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