Angeblicher Fund von Kolumbus’ „Santa María“

Neue Erkenntnisse über Amerikas Geburtsstunde

+
So könnte sie einmal ausgesehen haben: Eine Replik der Santa Maria.

New York - Es wäre eine Sensation: Ein amerikanischer Meeresarchäologe will Überreste der „Santa María“ von Christoph Kolumbus aufgespürt haben. Spanische Wissenschaftler halten dagegen: Von dem Schiff sei schon vor 500 Jahren kaum ein Nagel übrig geblieben.

Barry Clifford ist ein Meister der Inszenierung. Der legendäre Archäologe spürt seit mehr als drei Jahrzehnten erfolgreich hinter versunkenen Schätzen her und präsentierte am Mittwoch seinen neuesten Coup: Der Amerikaner ist fest davon überzeugt, Überreste der "Santa Maria" entdeckt zu haben, mit der Christoph Kolumbus 1492 vor der Küste von Haiti auf Grund lief.

Clifford stellte seine Forschungsergebnisse gestern im renommierten New Yorker "Explorers Club" vor, wo sich seit genau 100 Jahren wagemutige Entdecker und akribische Naturforscher nach erfolgreichen Expeditionen treffen. Die ehrwürdigen Räume sollen offenbar auch den Aussagen von Clifford eine gewisse Autorität verschaffen, zumal es an Kritikern seiner Thesen nicht mangelt.

Clifford entdeckte das Wrack eigentlich schon bei einer Forschungsreise 2003. Der umtriebige Wissenschaftler dokumentierte damals die Überreste eines gesunkenen Schiffes, ohne allerdings zu ahnen, dass es sich um die bedeutende "Santa Maria" handeln könnte, mit der die Neue Welt entdeckt wurde. Erst vor wenigen Wochen, bei einem genauerem Studium seiner Unterlagen und der örtlichen Gegebenheiten, sei ihm diese Möglichkeit bewusst geworden.

Umgehend brach Clifford gemeinsam mit einem fachkundigen Team zu einer weiteren Expedition auf und fand die historischen Spuren schnell wieder. Allerdings: Die gusseiserne Kanone, die vor zehn Jahren noch auf dem Meeresgrund lag, ist verschwunden. "In dieser Gegend wimmelt es von illegalen Schatzsuchern, da an diesem Riff vor Haiti zahlreiche Schiffe untergingen", sagt Clifford, der trotz seiner 69 Jahre eine unglaubliche Tatkraft ausstrahlt.

Clifford weiß, wovon er spricht. Seine bisherigen Erfolge können sich sehen lassen: Seine Trupps fanden die "Whydah" des Seeräubers Samuel "Black" Bellamy vor der amerikanischen Ostküste und das Kriegsschiff "Adventure Galley" von William Kidd unweit von Madagaskar. Entsprechend selbstbewusst gibt er sich auch an diesem Mittwoch im "Explorers Club": "Die 'Santa Maria' hat den Gang der Menschheitsgeschichte verändert. Für mich ist sie der Mount Everest unter den Schiffswracks."

Einfach ist die Spurensuche sicherlich nicht: Nachdem das Flaggschiff Weihnachten 1492 in unmittelbarer Küstennähe auf Grund lief, gab Kolumbus den Befehl, die Schiffsplanken zum Bau einer kleinen Festung am Ufer zu nutzen. "La Navidad", die erste europäische Siedlung auf dem amerikanischen Kontinent, blieb allerdings nur eine kurze Episode. Als Kolumbus ein Jahr später an den Ort seiner Entdeckung zurückkehrte, fand er nur noch einige Leichen der Santa-Maria-Besatzung. Die Ureinwohner hatten das provisorische Lager zerstört.

Da auch der Standort der Festung "La Navidad" bis heute nicht hundertprozentig geklärt ist, melden sich bereits zahlreiche Skeptiker zu Wort. So betont der spanische Marineexperte Miguel Aragón gegenüber der Zeitung El País, dass sich die Küstenlinie in den vergangenen fünf Jahrhunderten aufgrund der starken Strömung verschoben habe. Aller Wahrscheinlichkeit würde der Unglücksort heute auf dem Festland liegen. Im übrigen, so der Wissenschaftler, seien in der Karibik mehrere 100 spanische Schiffe gesunken: "Eine Verwechslung ist daher gut möglich."

Zumindest die haitianische Regierung lässt sich davon nicht beeindrucken: Der Fundort wird in den kommenden Monaten streng bewacht, um sichere Erkenntnisse über Amerikas Geburtsstunde zu gewinnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare