Gedenkstätte Yad Vashem

Neuer Streit um Schindlers Liste

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Jerusalem/Hildesheim. - Der deutsche Industrielle Oskar Schindler bewahrte Tausende Juden vor der Ermordung. Um den Nachlass des 1974 verstorbenen Judenretters tobt ein bitterer Streit. Eine Erbin seiner Frau fordert die Gedenkstätte Yad Vashem auf, eine Liste mit 1200 Namen geretteter Juden herauszugeben – ein Dokument, das einst in Hildesheim entdeckt wurde.

Das Bezirksgericht von Jerusalem hat die Klage zugelassen, der Fall sorgt in Israel für großes Aufsehen. Er wirft zugleich ein Schlaglicht auf Schindlers Hildesheimer Verbindungen - und auf einen Mann, der in all seiner historischen Bedeutung wohl gerade gegen Ende seines Lebens ein kranker und zerrissener Mensch war. Und es dürfte ein ebenso schwieriger Prozess werden, weil beide Seiten tief in Schindlers Vergangenheit eintauchen wollen. Im Fokus: seine Beziehung zu der Hildesheimerin Annemarie Staehr.

Die - und ihren Mann Heinrich Staehr - lernte Schindler im Jahr 1970 in Tel Aviv kennen. Schindler besuchte dort Juden, die er einst vor den Nazis gerettet hatte, indem er sie als Arbeiter für seine Fabriken anforderte. Der Mediziner Heinrich Staehr untersuchte Israelis, die wegen im Nationalsozialismus erlittener Misshandlungen Wiedergutmachung von der Bundesrepublik Deutschland forderten.

Schindler und die Staehrs wurden schnell enge Freunde. Zeitgenossen gehen davon aus, dass sich zwischen Oskar Schindler und Annemarie Staehr eine von ihrem Mann geduldete Liebesbeziehung entwickelte. Deren Charakter soll im anstehenden Prozess eine große Rolle spielen - dabei sind alle Beteiligten seit vielen Jahren tot. Verbürgt ist: Oskar Schindler, der 1949 mit seiner Frau Emilie nach Argentinien ausgewandert war, kehrte 1957 allein nach Deutschland zurück. Die Ehe wurde nie geschieden, doch seine Frau und er sahen sich nie wieder.

Oskar Schindler und die Staehrs hingegen trafen sich ab 1970 sehr häufig. Schindler, der in einer kleinen Wohnung am Frankfurter Hauptbahnhof lebte, fuhr regelmäßig nach Hildesheim, reiste zudem mehrmals mit Annemarie Staehr nach Israel. Im August 1974 kam Schindler letztmals nach Hildesheim. Die Staehrs betreuten den nun Schwerkranken einen Monat lang zu Hause, dann kam er ins St.-Bernward-Krankenhaus, wo er am 9. Oktober starb. Die Behandlung des Mittellosen musste das Sozialamt Frankfurt bezahlen.

23 Jahre lang verstaubte danach ein kleiner grauer Samsonite-Reisekoffer mit der Aufschrift „O. Schindler“ auf dem Dachboden des Staehrschen Hauses. Annemarie Staehr stirbt 1984, Heinrich Staehr 1997. Zu den vielen Utensilien, die ihr Sohn aus dem Haus holt und mit ins heimische Stuttgart nimmt, gehört auch der kleine Koffer. Dessen Inhalt untersucht er erst Monate später - und findet neben vielen Briefen auch die Liste mit den 1200 Namen. Schindlers Liste, die heute in Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust aufbewahrt wird.

Wie kam die Liste nach Yad Vashem?

Wie kam sie dorthin? Darum ging es schon 1999 bei einem Prozess in Stuttgart. Denn Staehr-Sohn Christian hatte die Dokumente zunächst der „Stuttgarter Zeitung“ überlassen - unter der Bedingung, dass die sie an die Holocaust-Gedenkstätte weiterreicht. Das bekam auch die inzwischen 90-jährige Emilie Schindler in Buenos Aires mit - über ihre Freundin und Biografin Erika Rosenberg. Beide reisten nach Deutschland, klagten auf Herausgabe der Dokumente - doch die waren schon unterwegs nach Israel. 2001 starb Emilie Schindler in einem Pflegeheim in Strausberg bei Berlin. Kritiker hielten ihrer argentinischen Freundin schon damals vor, sie nutze die altersschwache Emilie Schindler aus Geldgier aus.

Erika Rosenberg ist es auch, die jetzt in Jerusalem die Gedenkstätte Yad Vashem verklagt hat und die Herausgabe der Hildesheimer Dokumente verlangt. Und zwar in neuer Rolle - Emilie Schindler hat sie als Erbin eingesetzt. Deren Recht auf den Koffer und seinen Inhalt sei damit auf sie übergegangen, argumentiert die 63-Jährige.

Die Frage, die das Gericht in Jerusalem klären soll, betrifft daher letztlich Dinge, die vor mehr als 40 Jahren in Hildesheim passiert sind. Denn Erika Rosenberg behauptet, Annemarie Staehr habe den Koffer mit der berühmten Liste nach Schindlers Tod einfach aus dessen Frankfurter Wohnung geholt. Verbürgt ist tatsächlich, dass sich die Hildesheimerin um die Auflösung von Schindlers Frankfurter Wohnung kümmerte. Dessen Witwe zeigte jedenfalls nach seinem Tod kein Interesse an Oskar Schindlers Erbe. Rosenbergs Anwalt Naor Jair Mana erhebt in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ dennoch den Vorwurf, der Koffer sei 1999 nach Israel „geschmuggelt“ worden.

Das sehen die Verantwortlichen der Gedenkstätte völlig anders. Sie gehen davon aus, Oskar Schindler habe den Koffer noch zu seinen Lebzeiten „seiner sehr engen Freundin“ Annemarie Staehr übereignet, „die vielleicht die wichtigste Person in seinem Leben war“, erklärte eine Sprecherin. Deshalb soll in dem Gerichtsverfahren nun auch geklärt werden, ob es zwischen den Eheleuten Schindler in der Nachkriegszeit überhaupt noch eine engere Verbindung gab. Yad Vashem hatte vergeblich beantragt, die Klage abzuweisen, und bezichtigt die Klägerin Rosenberg, nur „aus eigennützigem Gewinnstreben“ in den Besitz der Dokumente und insbesondere von Schindlers Liste gelangen zu wollen. Rosenberg selbst betont seit Jahren, ihr gehe es um eine angemessene Würdigung der Rolle Emilie Schindlers bei der Rettung von Juden.

Wann der Prozess beginnt, steht noch nicht fest. Klar ist der Ort: Das Bezirksgericht von Jerusalem liegt nur gut einen Kilometer Luftlinie von Oskar Schindlers letzter Ruhestätte auf dem katholischen Friedhof der Stadt entfernt.

Von Tarek Abu Ajamieh

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