Projekt der Landesverkehrswacht

Neues Fahrtraining soll Senioren fit machen

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In Barsinghausen geht es nach den Slalom-, Brems- und Einparkübungen auf einem Feldweg in den echten Straßenverkehr.

Barsinghausen - Die Landesverkehrswacht will ein Fahrtraining speziell für Senioren in ganz Niedersachsen einführen. Männer und Frauen über 65 Jahren sollen dabei ihr Können am Steuer überprüfen. Neben einem Theorieteil stehen auch Praxisübungen auf dem Programm. Der erste Kurs startete am Freitag in Barsinghausen.

Ihr Alter möchte Inge Rumpf am liebsten gar nicht verraten. Die weißhaarige Dame in Jeans fühlt sich mit ihren 85 Jahren als Autofahrerin oft diskriminiert. Selbst eine gute Freundin rät ihr ständig, endlich den Wagen abzugeben. Doch Inge Rumpf sagt: „Ich bin regelmäßig beim Arzt und weiß, dass ich noch fahren kann.“ Beim neuen Fahrtraining für Senioren der Landesverkehrswacht lernt die Rentnerin als erstes, dass sie sich jahrzehntelang falsch angeschnallt hat. „Der Gurt gehört in Beckenhöhe unter die Jacke“, erklärt Sicherheitstrainer Fritz Landwehr.

Landwehr engagiert sich bei der Verkehrswacht im Kreis Diepholz, wo das an über 65-Jährige gerichtete Projekt „Fit im Auto“ entwickelt und erprobt wurde. Ziel ist, das fünfstündige Training mit Theorie- und Praxisteil in ganz Niedersachsen zu etablieren. Als Partner mit im Boot sind der Fahrlehrerverband, die Polizei sowie das Innen- und Verkehrsministerium. Die ersten Termine in der Region Hannover waren im Nu ausgebucht. Im Juni gibt es eine Auftaktveranstaltung in Rotenburg an der Wümme, danach soll Osnabrück folgen.

„Gerade in unserem ländlichen Niedersachsen ist man in vielen Regionen ohne Auto aufgeschmissen“, sagt Landwehr. „Wir möchten alle fit machen, aussortieren wollen wir nicht.“ An diesem Freitag in Barsinghausen bei Hannover ist der älteste Kursteilnehmer 91 Jahre alt. „Ich mache hier mit, um meine Kinder und Enkel zu beruhigen“, sagt Gottfried Egermann aus Neustadt am Rübenberge. „Sie meinten, ich sollte das Auto abgeben, aber ich habe es mir wiedergeholt.“

Manche Teilnehmer bemerken beim Bremstest auf einem Feldweg allerdings, dass ihre Reaktionsgeschwindigkeit nicht mehr optimal ist. Die Polizei weiß: Vor allem komplexe Verkehrssituationen, zum Beispiel an belebten Kreuzungen, bereiten Senioren häufig Schwierigkeiten. Wenn über 75-jährige Autofahrer in Unfälle verwickelt sind, tragen sie in 75 Prozent der Fälle die Hauptschuld. Immer mal wieder kommt es vor, dass Senioren sogar Gas und Bremse verwechseln.

„Senioren sind eher gefährdet als gefährlich“

Die meisten Unfälle, bei denen Menschen zu Schaden kommen, verursachen aber nach wie vor 18- bis 24-Jährigen am Steuer. „Die älteren Verkehrsteilnehmer sind eher gefährdet als gefährlich“, betont der Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), Sven Rademacher. In Niedersachsen kamen im vergangenen Jahr 119 Senioren über 65 Jahren im Straßenverkehr ums Leben, jeder zweite von ihnen war ein Fußgänger oder Radfahrer. Vorgeschriebene Eignungstests für Senioren hält der DVR für wenig sinnvoll. „Wir appellieren an die Eigenverantwortlichkeit“, sagt Rademacher. Studien belegen, dass ältere Menschen eher auf den Rat eines Fahrlehrers als auf die eigenen Kinder oder Enkel hören. Auch der Hausarzt kann helfen, die eigene Fahrtüchtigkeit einzuschätzen.

In Barsinghausen geht es nach den Slalom-, Brems- und Einparkübungen auf einem Feldweg in den echten Straßenverkehr. Auf dem Beifahrersitz nimmt Fahrlehrer Helmut Gasterich Platz. Seine betagten Schüler müssen sich erst einmal mit dem Fahrschulwagen vertraut machen. „Die Autos haben sich technisch sehr verändert, es gibt neue Verkehrszeichen und andere Fahrweisen“, sagt Gasterich. Der Trainingstag hilft den Senioren, eigene Schwachpunkte zu erkennen und sich gegebenenfalls weiter fortzubilden. „Aus eigenem Antrieb kommen noch viel zu wenige Ältere zu uns“, bedauert der Fahrlehrer.

Von Christina Sticht

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