Prozess um Hungertod

„Es war nichts mehr an ihm dran“

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Foto: Das Landgericht Braunschweig verhandelt derzeit über den Hungertod eines 56-jährigen Behinderten.

Braunschweig - Bis auf die Knochen magert ein behinderter Mann in der Wohnung seiner Mutter in Salzgitter ab. Seinem Bruder, der Betreuer des Mannes war, drohen nun mehrere Jahre Gefängnis.

Im Prozess um den Hungertod eines 56-jährigen Behinderten haben Zeugen die tragischen Lebens- und Todesumstände des Opfers dargestellt. Ein Polizist schilderte am Dienstag erschreckende Details über den Zustand des Opfers. Der Beamte hatte den bis auf die Knochen abgemagerten Mann im Februar 2012 in der Wohnung seiner Mutter in Salzgitter gefunden. „Es war nichts mehr an ihm dran und er hatte versteifte Kniegelenke, das Zimmer war verwahrlost“, sagte der 54-Jährige vor dem Landgericht Braunschweig. Am Nachmittag werden die Plädoyers erwartet.

Wegen eines Hirnschadens wurde der 56-Jährige von seiner Mutter in ihrer Wohnung gepflegt. Im Februar 2012 hatte die Frau den Hausarzt gerufen, der das bis auf Haut und Knochen abgemagerte Opfer tot in seinem Bett fand und die Polizei alarmierte. Nach Angaben eines Sachverständigen des Landeskriminalamts war im Magen des Opfers bei der Obduktion "nur ein mikroskopisches Partikelchen eines Getreidekorns" zu finden.

Für den Hungertod des Behinderten verantworten muss sich sein 48-jähriger Bruder, der als Betreuer bestellt war. Die Anklage lautet auf Aussetzung mit Todesfolge. Dazu zählen Delikte, bei denen ein Beschuldigter einen hilflosen Menschen imStich lässt, obwohl er verpflichtet ist, ihm zu helfen. Dem 48-Jährigen drohen mindestens drei Jahre Gefängnis. Er hatte über die Jahre gegenüber den Behörden wiederholt angegeben, dass er seinen Bruder täglich besuche und dessen Zustand unverändert sei.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Mutter mit der Betreuung des Behinderten überfordert war, wegen Schuldunfähigkeit wurde keine Anklage gegen sie erhoben. Eine Arbeitskollegin der Frau sagte aus, dass diese stets für ihren behinderten Sohn gesorgt habe. „Sie hat alles für ihn gemacht, ihn gebadet, gefüttert, rasiert“, sagte sie. Dennoch habe sich die Frau vor dem Tod des Sohnes verändert. „Ich hatte das Gefühl, sie hat das alles nicht mehr so auf die Reihe gekriegt.“

Der zweite Bruder des Opfers wohnte im selben Haus, pflegte aber kaum Kontakt zu seiner Familie. Seit dem Tod des Vaters im Jahr 2003 sei sein Verhältnis zu Mutter und Brüdern zerrüttet gewesen. „Jeder ist seinen eigenen Weg gegangen“, sagte der 35-Jährige. Er habe seine Mutter nur auf dem Flur getroffen und sich dabei nach dem Zustand des Bruders erkundigt. Sie habe ihm stets versichert, dass alles gut sei.

dpa

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