Unterkünfte für Beschäftigte aus Osteuropa

„Nichts hat sich geändert“

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„Schlimm, dass die damit durchkommen“: Detlef Kolde vor einer Unterkunft.

Ahlhorn - Trotz neuer landesweiter Standards müssen die Beschäftigten der Fleischbranche aus Osteuropa noch immer in Schrottimmobilien hausen. Die Vermieter machen weiter Kasse auf dem Rücken der Leiharbeiter.

Jakub war nach der Arbeit im Schlachthof einkaufen. Jetzt steht der Pole in Ahlhorn im Kreis Oldenburg vor dem Haus, in dem er wohnt, ein 500-Gramm-Paket Drehtabak in der Hand.

Der Mann heißt in Wahrheit anders und ist nicht der einzige Osteuropäer, der in dem Gebäude in einer früheren Soldatensiedlung in dem Ort lebt. Davon zeugt schon der Briefkasten: 20 bis 30 Namen, hingeklebt, hingekritzelt, vielleicht sind es noch mehr. Hier wohnen offenbar Polen, Litauer und Rumänen. Alle, die man vor dem Gebäude trifft, erzählen dasselbe: Sie arbeiten bei Heidemark, dem Geflügelschlachthof im Ort. Alle sind sie Werkvertragsarbeiter.

An dem Haus könnte mehr getan werden, als den Briefkasten zu entrümpeln. „18 bis 20 Menschen“ leben darin, behauptet der Hausmeister, aber so genau weiß er es angeblich nicht. Bei der Gemeinde würde man auch keine genaue Auskunft bekommen. Unter der Adresse sind etwa 70 Menschen gemeldet. Wahrscheinlich wohnen dort in vier Wohnungen 24. So ist das in der Fleischbranche im Westen Niedersachsens. Vieles bleibt im Dunkeln. Der Hausverwalter lässt über seinen Anwalt mitteilen, er sei an einem Gespräch nicht interessiert, und droht rechtliche Schritte an.

„Grenze des rechtlich Machbaren schnell erreicht“

Vor einem Jahr war die Unterbringung von osteuropäischen Leiharbeitern schon einmal ein großes Thema im Land. In Papenburg waren bei einem Brand einer völlig überfüllten Unterkunft zwei Rumänen gestorben, die für einen Subunternehmer auf der Meyer Werft arbeiteten. Berichte über unhaltbare Zustände in Wohnungen von Arbeitern in der Fleischbranche häuften sich da schon. Die neue, rot-grüne Landesregierung hat damals eilig Standards für ihre Unterbringung formuliert: mehr Platz, ein Mindestmaß an Hygiene, ein kleines bisschen mehr Komfort. Seit Januar sind die Standards als Erlass niedersachsenweit gültig.

„Nichts hat sich dadurch geändert“, sagt Detlef Kolde, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt und für die SPD in Cloppenburg im Kreistag sitzt. Gerade erst hat die Fleischbranche eigene Vorgaben verabschiedet, die natürlich in der kurzen Zeit noch keine Wirkung entfalten konnten. Die Vermieter machen weiter Kasse auf dem Rücken der Leiharbeiter.

Jakub und seine Frau, die ebenfalls im Schlachthof von Heidemark Geflügel zerlegt, wohnen angeblich entsprechend dem Standard. Sie haben ein gemeinsames Zimmer, vielleicht 16 Quadratmeter groß. Ein Bett, ein Tisch, ein Sofa, Fernseher, eine Kleiderstange. Küche und Bad müssen sie sich mit den Mitbewohnern teilen. Die beiden zahlen 400 Euro Miete im Monat für das Zimmer, jeder 200. Hochgerechnet würde das bei 24 Bewohnern 4800 Euro Mieteinnahmen bedeuten. 1200 Euro pro Wohnung mit vermutlich etwa 70 Quadratmetern. Eine ordentliche Rendite für ein Haus, das sonst nur schwer zu vermieten wäre. In anderen Häusern des Blocks kostet eine vergleichbare Wohnung nach Angaben eines Mieters 600 Euro. Der Landkreis Oldenburg, zuständig für die Überwachung der Wohnstandards, hat das Haus schon einmal inspiziert und für gut befunden. „Die Grenze des rechtlich Machbaren ist schnell erreicht“, sagt der Leiter der Bauaufsichtsbehörde. Kreispolitiker Kolde findet es „schlimm“, dass der Vermieter damit durchkomme. Kolde zeigt ein weiteres Beispiel in Cloppenburg, das baufällige Hotel zum Weißen Ross. 40 Menschen sind dort gemeldet, jeder von ihnen zahlt 100 Euro.

„Harte Arbeit, wirklich harte Arbeit“

Die Nägel sind gelb und rissig, die Finger geschunden. Maciek hält wenige Kilometer entfernt in Bad Bergen zum Beweis seine Hände hin. „Harte Arbeit, wirklich harte Arbeit“ sagt er. Er schlachtet bei Danish Crown in Essen Schweine. Der junge Pole zahlt nur 100 Euro Miete, aber auch sein Vermieter macht mit den Leiharbeitern ordentlich Kasse. Er hat eine alte Molkerei an 80 Fleischer vermietet, macht 8000 Euro im Monat für eine Schrottimmobilie.

Sein Zimmer, das er mit zwei weiteren Arbeitern teilt, mag Maciek nicht zeigen. Außerdem sollen sie nicht mit Journalisten reden, hat der „Chef“ angeordnet. Doch dann berichtet Maciek doch, ihn treibt seine Bezahlung um. 1400 Euro im Monat hatten sie ihm in Polen versprochen. Er bekommt nur 900 und die auch nur unregelmäßig ausbezahlt. „Ich wollte meiner Mutter 500 Euro im Monat schicken.“ Unmöglich.

Audra Brinkhus-Saltys vom Netzwerk „Menschenwürde in der Arbeitswelt“ kennt solche Berichte. „Unberechtigte Lohnabzüge sind immer noch an der Tagesordnung“, sagt die DGB-Vorsitzende in Vechta. Da werde in willkürlicher Höhe Geld vom Lohn einbehalten für Arbeitsmittel und Kleidung, was unzulässig sei. Oder Überstunden würden nicht bezahlt. Bei einer Sechs-Tage-Woche mit zehn bis 14 Stunden am Tag kämen die Arbeiter auf etwa 6 Euro brutto pro Stunde. Seit dem 1. August gilt in der Branche der Mindestlohn: 7,75 Euro die Stunde. Vertrauen, dass das hilft, hat Brinkhus-Saltys wenig: „Man glaubt nicht, mit welchen verbrecherischen Tricks das Arbeitsrecht umgangen wird.“ Die neueste Masche: Die Arbeiter sollen von ihrem Lohn Geld zurück auf ein anderes Konto überweisen: „Da wird viel verschleiert.“

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