Bertelsmann-Studie

Niedersachsen ist das Land der Schul-Absteiger

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Foto: In Niedersachsen wechseln wesentlich mehr Schüler nach unten als nach oben.

- In Niedersachsen kommt es öfter als in anderen Bundesländern vor, dass Kinder die Schule verlassen und in eine niedrigere Schulform wechseln müssen. Das stellt die Bertelsmann-Stiftung in einer gestern vorgelegten Studie fest. Der umgekehrte Fall, nämlich der Aufstieg auf eine höhere Schule, ist dagegen in Niedersachsen vergleichsweise selten.

Die Stiftung hat bundesweit die Klassen fünf bis zehn im Schuljahr 2010/2011 untersucht. Dabei wurden erhebliche Unterschiede festgestellt. In fast allen Ländern gibt es mehr „Absteiger“ als „Aufsteiger“, nur in Bayern steiger mehr Schüler auf als ab.

Die meisten Absteiger gibt es in Niedersachsen. Hier mussten im Sommer 2010 rund 12 300 Schüler zwischen dem 5. und 10. Jahrgang die Schule wechseln, das sind 2,6 Prozent und damit mehr als im Bundesdurchschnitt (2,2 Prozent). Für 9713 von ihnen ging der Fahrstuhl abwärts, etwa je zur Hälfte gingen sie vom Gymnasium auf die Realschule oder von der Realschule auf die Hauptschule. Lediglich 941 Schüler konnten den Fahrstuhl aufwärts nutzen, sie gingen etwa je zur Hälfte von der Realschule aufs Gymnasium oder von der Haupt- auf die Realschule. Das Verhältnis von Ab- zu Aufsteigern beträgt also zehn zu eins.

Die Autoren der Studie nennen Gründe: In Ländern, in denen die Hauptschule zur „Restschule“ geworden sei, gebe es von hier kaum noch Aufstiege. Jeder dritte Schüler, der eine niedersächsische Hauptschule verlässt, war früher einmal in einer Realschule und wurde herabgestuft – mit allen Folgen für das Selbstwertgefühl.

Außerdem gibt es in Niedersachsen den freien Elternwillen, der woanders eingeschränkt wurde. Eltern können ihre Kinder nach Klasse fünf auch dann zum Gymnasium anmelden, wenn die Schule den Besuch einer Real- oder Hauptschule empfiehlt. Bleibt das Kind anschließend zweimal sitzen, ist eine Herabstufung oft die Folge.

In Bayern gibt es deutlich weniger Abstiege, allerdings gehen hier weniger Kinder nach Klasse vier direkt aufs Gymnasium, sie steigen später auf, oft um den Preis der Wiederholung eines Schuljahrs.

Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) erklärte, entscheidend sei nicht der Wechsel der Schulformen, sondern die Qualität der Abschlüsse. Auch über Haupt- und Realschule könne man mit Zusatzqualifikation den Weg zum Studium erreichen.

Die SPD-Kultusexpertin Frauke Heiligenstadt schlug vor, die Schulempfehlungen abzuschaffen; alle Kinder sollten stärker gefördert werden. Auch Ina Korter (Grüne) sieht es so – sie will das Sitzenbleiben gesetzlich verbieten. Björn Försterling (FDP) regt hingegen Aufnahmetests für die Schüler an, die von ihren Eltern trotz ungünstiger Empfehlungen auf hohe Schulen geschickt werden.

Reinhard Urschel und Klaus Wallbaum

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