„Betreuungsatlas“

Niedersachsen legt Endspurt bei Krippenplätzen ein

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Foto: Die Betreuungsquote in Niedersachsen reicht für unter Dreijährige von 13,3 in Wilhelmshaven bis 38,7 Prozent in Göttingen.

Hannover - Kein Bundesland hat beim Ausbau der Krippenplätze für unter Dreijährige im vergangenen Jahr so zugelegt wie Niedersachsen. Darauf weist der neue „Betreuungsatlas“ des Deutschen Jugendinstituts hin.

In der noch unveröffentlichten Studie, die der HAZ vorliegt, heißt es, das Land weise die höchste Ausbaudynamik auf. Die Betreuungsquote konnte um 2,3 Prozentpunkte gesteigert werden und liegt jetzt bei 25 Prozent. Damit ist Niedersachsen genau im Schnitt der westdeutschen Bundesländer. Jahrelang hatte das Land den letzten oder vorletzten Platz belegt. 2008 hatte die Betreuungsquote bei den Kindern unter drei Jahren gerade einmal 9,1 Prozent betragen. Der „Betreuungsatlas“ stützt sich auf Zahlen aus dem März vergangenen Jahres.

Von einer „gemeinsamen Kraftanstrengung“ des Landes und der Kommunen sprach ein Sprecher des Kultusministeriums. Nach dem Ausbau soll jetzt die Ausstattung der Krippengruppen verbessert werden. „Nach der Quantität werden wir gezielt in die Qualität investieren“, sagte der Sprecher. So sollen die bisher zwei Betreuer pro Gruppe um eine dritte Kraft aufgestockt werden. Unklar ist noch, ob dies eine ausgebildete Erzieherin, eine Sozialassistentin oder nur eine speziell geschulte Mutter sein muss.

Insgesamt gibt es bei der Betreuungsquote deutliche Unterschiede bei den west- und ostdeutschen Familien. Während in den westdeutschen Bundesländern nur ein Viertel der Eltern Krippe- oder Tagespflegeplätze in Anspruch nimmt, sind es im Osten fast die Hälfte. Drei von vier Kindern bleiben dort den ganzen Tag, im Westen sind es 40 Prozent.

Wie zwischen den Ländern so sind auch innerhalb Niedersachsens die Unterschiede groß. Die Betreuungsquote reicht von 13,3 in Wilhelmshaven bis 38,7 Prozent in Göttingen. In der Universitätsstadt gibt es mittlerweile rund 1400 Krippen- und Tagespflegeplätze, vor zehn Jahren waren es nur 380. Stadtsprecher Detlef Johannson nannte den Ausbau „eine große Anstrengung“. Ein Ende sei nicht in Sicht. „Wir schaffen weitere Plätze, um den Bedarf abzudecken.“ Viele Kitas seien an Forschungs- und Hochschuleinrichtungen angekoppelt und würden gern von Studierenden oder Wissenschaftlern genutzt.

Die landesweit zweithöchste Betreuungsquote hat Lüneburg (33,4) gefolgt von Lingen (32,8). Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) sagte gestern: „Wir dürfen nicht nur von Familie und Beruf reden, sondern müssen auch handeln.“ Man habe deshalb schon frühzeitig mit dem Ausbau begonnen und werde weitermachen: Bis Ende des Jahres soll eine Quote von 50 Prozent erreicht werden. Die niedrigsten Betreuungsquoten haben neben Wilhelmshaven (13,) die Stadt Delmenhorst (13,9) und der Landkreis Aurich (15,7).

Bei den Ganztagsplätzen ist Laatzen bei Hannover landesweit führend mit einem Anteil von 93,9 Prozent: „Kein Wunder“, sagte der Erste Stadtrat und Kämmerer Arne Schneider, „wir setzen konsequent auf Ganztag.“ Alle Gruppen seien schon mit der dritten Kraft ausgestattet, die das Land erst schrittweise in den nächsten Jahren einführen will. Auch bei der Qualifizierung der Erzieher ist Laatzen Landesbester: 91,6 Prozent der Betreuer haben mindestens einen Fachschulabschluss, 12,4 Prozent sogar einen fachbezogenen Hochschulabschluss. „Wir wollen, dass alle Betreuer gleichermaßen gut ausgebildete Erzieher sind“, sagte Stadtrat Schneider. Er halte wenig davon, das Wickeln und Füttern weniger qualifizierten Kräften zu überlassen.

Die Kinder müssten die gesamte Zeit über von vertrauten Personen umsorgt werden. Führend bei den Ganztagsplätzen sind neben Laatzen die größeren Städte Osnabrück (84,9 Prozent), Hannover (81,8) und Wolfsburg (79,6). In den vergangenen Monaten habe sich der Anteil der Ganztagsplätze sogar noch gesteigert, sagte Hannovers Stadtsprecher Andreas Möser – auf nunmehr 95 Prozent. Wer Vollzeit arbeite, gerade auch alleinerziehende Mütter und Väter, brauche auch eine entsprechend langes Betreuungsangebot. „Die Nachfrage der Eltern bestätigt das.“

Auf dem Land sind Ganztagsplätze seltener nötig. In den Landkreisen Wittmund (2,5 Prozent Anteil Ganztagsplätze), Lüchow-Dannenberg (4,1) und der Stadt Nordhorn (4,3) heißt es, die meisten Familien seien nur an einem Halbtagsplatz interessiert.

Die Forscher des Deutschen Jugendinstituts haben herausgefunden, dass seit dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz im August 2013 bei Eltern deutschlandweit die Akzeptanz steigt. Jede zweite Familie, die einjähriges Kind hat, würde es in einer Einrichtung betreuen lassen. Eine weitere Erkenntnis der Wissenschaftler: Wer seinen Nachwuchs aber lieber zuhause erzieht, lässt sich auch durch den Ausbau der Krippenplätze nicht beeindrucken.

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