Hannover will austreten

Niedersachsens Kirchen streben auseinander

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Foto: Die Grafik zeigt die Mitglieder der Kirchenkonföderation Niedersachsen.

Hannover - Im hohen Norden fusionierten kürzlich mehrere evangelische Landeskirchen zur „Nordkirche“. In Niedersachsen geht der Trend in die andere Richtung.

Die Synode, das Kirchenparlament der hannoverschen Landeskirche, hat diese Woche einen spektakulären Schritt beschlossen. Sie erwägt den Austritt aus der Konföderation der fünf evangelischen Kirchen in Niedersachsen, die 1971 gegründet wurde. „Wir sehen in der jetzt bestehenden Konföderation keinen Sinn mehr“, sagt Jörn Surborg, Sprecher des Landessynodalausschusses: „Wir erwägen die Kündigung nicht, weil wir beleidigt wären, sondern wollen neue Bewegung in die Diskussion bringen.“ Im kommenden Jahr soll über die Kündigung entschieden werden.

Surborg ist eine der Schlüsselfiguren in der Synode der hannoverschen Landeskirche, die mit knapp 2,9 Millionen Mitgliedern die größte Landeskirche in Niedersachsen ist. Aus Hannover gab es immer wieder Bestrebungen, mit den vier anderen Partnern zu einer neuen Evangelischen Kirche in Niedersachsen zu fusionieren. Vor drei Jahren startete sogar Braunschweigs Landesbischof Friedrich Weber, der damals den lockeren Kirchenbund (Konföderation) leitete, einen ähnlichen Versuch, wurde jedoch von den eigenen Leuten zurückgepfiffen. Seitdem herrscht Stillstand in der Konföderation, die in vielen rechtlichen Fragen auch Gegenüber des Landes Niedersachsen ist.

Stärkster Gegner jeglicher Fusionen ist die zweitgrößte Kirche im Fünferbunde, die Oldenburgische. Sie hat derzeit 443.000 Mitglieder. Hier betrachtet man den Vorstoß aus Hannover – die Drohung der Aufkündigung der Konföderation – mit Gelassenheit. Trotz knapper werdender Finanzen sieht man keinen Anlass zu fusionieren, heißt es in Oldenburg. Der Unterschied zu Hannover sei auch zu groß, denn in Oldenburg werde ein „mildes“ Lutherthum gepflegt. „Wir sind nicht so hierarchisch, hier haben die Gemeinden mehr Rechte“, sagt Hans-Werner Kögel, Sprecher der Oldenburger Kirche. Im übrigen habe sich die Konföderation doch bewährt.

Das findet auch der Sprecher der kleinsten Kirche im Lande, der schaumburg-lippischen mit Sitz in Bückeburg. „Wir haben zwar nur 58.000 Mitglieder aber eben auf einem überschaubaren Raum“, sagt Pastor Ulrich Hinz, der das Amt des Pressesprechers nur nebenbei betreibt: „Wir würden die Zusammenarbeit aber gerne weiterentwickeln.“ So ähnlich sagt das auch Michael Strauß von der Braunschweigischen Landskirche, die mit rund 370.000 Mitgliedern die Nummer Drei in Niedersachsen ist: „Eine Auflösung der Konföderation wäre ein Rückschritt dessen, was erreicht worden ist.“ Sollten die Hannoveraner wirklich kündigen, würden die Braunschweiger dies mit Sorge betrachten.

Fünfte im Bunde ist die Evangelisch-Reformierte Kirche (185.000 Mitglieder) mit Sitz in Leer. Tatsächlich arbeiten die fünf schon jetzt eng zusammen – etwa in der Schulpolitik oder Erwachsenenbildung, in Fragen der Polizei- und Gefängnisseelsorge oder in der Medienpolitik. Sie unterhalten eine Zeitung, einen Pressedienst sowie Rundfunk- und Fernseharbeit. Diese Zusammenarbeit wird auch von niemanden in Frage gestellt. Nur die Doppelstrukturen, die die Konföderation mit sich bringt, sind den Hannoveranern ein Dorn im Auge. So gibt es etwa noch eine eigene Konföderationssynode aller fünf Kirchen mit 58 Mitgliedern, von denen einige aber oft fehlten, wie jetzt in Hannover bemängelt wurde.

„Wir haben eine Menge erreicht, aber eben auch Stillstand“, sagt Arend de Vries, geistlicher Vizepräsident im hannoverschen Landeskirchenamt: „Manches geht ohne das Korsett der Konföderation besser.“ Etwa die Pastorenausbildung, die jetzt für alle fünf niedersächsischen Kirchen in Loccum zentralisiert worden ist. Arend de Vries: „Da machen sogar die Bremer mit.“

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