Polizei tötet Obdachlosen

„Niemand hat einen Namen in Skid Row“

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Ein Leben auf der Straße: Der obdachlose Ceola Waddell vor seinem Hotdog-Stand in der Skid Row in Los Angeles. Dort wurde am 1. März ein Mann namens „Africa“ von Polizisten erschossen.

Los Angeles - Schmutzige Zelte, zerknüllte Planen und Einkaufswagen stehen auf den Gehwegen des Elendsviertels in Los Angeles. Skid Row werden solche Viertel in den USA genannt. Bei einem Polizeieinsatz ist einer der dort lebenden Obdachlosen gestorben. Bekannt sei nur: Der Mann stamme ursprünglich aus Kamerun.

„Man würde niemals vermuten, dass man in Amerika so etwas zu sehen bekommt, oder?“, fragt ein Mann, der in einem Hauseingang sitzt. Er deutet auf die Straßen der zweitgrößten US-Stadt und lächelt. Skid Row werden solche Viertel in den USA genannt. Auf einem Bordstein kauert ein Mann mit einem langen weißen Bart. Wankend schiebt eine halb nackte Frau einen Wagen die Straße hinunter. „So etwas hatte ich nicht gesehen, bis ich nach Los Angeles kam“, sagt der Mann aus dem Hauseingang. Seinen Namen will er nicht nennen. Er schüttelt den Kopf: „Niemand hat einen Namen in Skid Row.“

Im Bezirk Los Angeles leben etwa 58.000 Obdachlose. Rund 3000 von ihnen in dem etwa 50 Häuserblocks umfassenden Viertel im Zentrum der Stadt, nur wenige Straßen trennen es vom Rathaus. Vor mehr als einem Jahrhundert war hier die Endstation der Eisenbahn, und Menschen, die sonst keinen Zufluchtsort hatten, ließen hier sich nieder. Über Generationen hinweg siedelte sich in L.A.s Skid Row so die größte obdachlose Bevölkerung des Landes an. Drogenabhängige, psychisch Kranke und Menschen, die von der Verzweiflung des Lebens auf der Straße gezeichnet sind, prägen das Stadtbild. Am vergangenen Sonntag erschossen Polizisten hier einen Obdachlosen, der bei seinen Zeltnachbarn nur als „Africa“ bekannt war.

Die Beamten waren wegen eines Raubüberfalls gerufen worden. Ein Zeuge filmte den Vorfall: Das Video zeigt eine Rangelei, an der mindestens sechs Polizisten beteiligt sind. Drei von ihnen hätten Schüsse abgegeben, als der Obdachlose nach einer Polizeiwaffe greifen wollte, lautet die Version der Beamten. Zeugen widersprechen diesem Bericht. Laut Polizeiakten war „Africa“ ein verurteilter Bankräuber, im US-Staat Kalifornien lag ein Haftbefehl gegen ihn vor. Die Papiere, die der Mann bei sich hatte, seien Behördenberichten zufolge vor Jahren gestohlen worden. Bekannt sei nur: Der Mann stamme ursprünglich aus Kamerun.

Angesichts landesweiter Empörung über Polizeigewalt gegen Schwarze kochten nach der Schießerei auch in Los Angeles die Proteste wieder hoch. Demonstranten marschierten am Dienstag vor das Hauptquartier der Polizei. „Ständig schikanieren sie schwarze Menschen“, klagte ein Obdachloser während der Proteste. Doch es sind weniger die Konflikte zwischen Schwarz und Weiß, die zu Spannungen führen, berichten Sozialeinrichtungen im Viertel. Es seien die Gesetze. Demnach versucht die Polizei Regeln durchzusetzen, die das Leben auf der Straße verbieten. Die Obdachlosen würden „in eine Ecke gedrängt“, sagt Ryan Navales. Er arbeitet bei „Midnight Mission“, der ältesten Sozialeinrichtung der Gegend.

Wenige Tage nach der Schießerei zeichnet sich in Skid Row keine Lösung für das Problem ab. Eine provisorische Gedenkstätte hat „Africas“ Zelt ersetzt: ein Kreuz aus weißen Rosen. Nur wenige Meter weiter sitzt der 58-Jährige Ceola Waddell auf dem Gehweg. Seit 32 Jahren lebt er auf den Straßen von Skid Row. In einem braunen Pyjama bedient er einen kleinen Hotdog-Stand. Ein Polizist weist ihn darauf hin, dass er für den Stand eine Genehmigung braucht. „Ich setzte nur das Gesetz durch“, sagt der Beamte.

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