Staatsanwaltschaft ermittelt

Nierenarzt verordnet unnötige Dialysen

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Foto: Ein Nierenfacharzt soll im großen Stil Dialysebehandlungen verordnet haben, die aus medizinischer Sicht gar nicht nötig waren.

Aurich - Ein langjähriger Nierenspezialist aus Aurich steht im Visier der Staatsanwaltschaft. Er soll Dialysen verordnet haben, die nicht nötig waren. Kassenpatienten darf er seit mehreren Monaten schon nicht mehr behandeln.

Ein erfahrener Nierenfacharzt aus Aurich soll im großen Stil Dialysebehandlungen verordnet haben, die aus medizinischer Sicht gar nicht nötig waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Nephrologen wegen schwerer Körperverletzung und Betrugs in 42 Fällen. Demnach, hätte er etwa jeden dritten Patienten in seiner Praxis falsch behandelt. Die meisten der Patienten sollen Senioren gewesen sein. Die Ermittlungen liefen bereits seit Oktober 2011, sagte Staatsanwaltssprecherin Annette Hüfner gestern. Noch sei völlig unklar, ob und wann Anklage gegen den Mann erhoben werde.

Ins Rollen gekommen war der Fall durch anonyme Patientenbeschwerden bei der AOK und der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN). Ursprünglich habe es sich um eine Routineüberprüfung gehandelt, berichtete der Auricher KVN-Geschäftsführer Erich Penon. In Dialyse-Praxen, die zwischen 100 und 150 Patienten betreuen, wie die des unter Verdacht stehenden Arztes in Aurich, müssen normalerweise zwei Nierenfachärzte und ein Internist arbeiten. Doch in Aurich hatten im vergangenen Herbst zwei von drei Ärzten aufgehört. Einer sei der frühere Praxisinhaber gewesen, sagte Penon. Er habe jahrelang mit dem Nierenspezialisten, der ins Visier der Ermittler geraten ist, zusammengearbeitet und ihm erst im Sommer 2011 die Praxis übergeben.

Als es dem Mediziner nicht gelungen sei, innerhalb eines halben Jahres Nachfolger für seine ausgeschiedenen Praxiskollegen zu finden, habe die KVN die Praxis von ihrer Qualitätskommission untersuchen lassen, sagt Penon. Die Gutachter hätten bei der Durchsicht von Patientenakten festgestellt, dass nicht zu wenig Personal, sondern falsche Behandlungesmethoden das Hauptproblem der Praxis waren. Die Rede ist auch von hygienischen Mängeln.

„Eine Dialyse ist ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit“, sagte Prof. Jan Galle, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Den Patienten müsste ein Katheder für die Blutwäsche eingesetzt werden. Viele müssten sich langwierigen Operationen unterziehen. Würden Patienten ans Dialysegerät gehängt, bei denen das noch gar nicht nötig sei, könne es zu Organschäden kommen. Nach zwei Behandlungen soll sich zudem eine Art körperliche Abhängigkeit einstellen.

Die Gutachter stellten so gravierende Mängel fest, dass die KVN im Frühjahr - nach einer Bestätigung des Landessozialgerichts - die Praxis schließen ließ. „Viele Patienten seien aus allen Wolken gefallen“, berichtete KVN-Mann Penon. Der Mediziner darf jetzt nur noch private Dialyse-Patienten behandeln. Aber ohne Kassenpatienten fehlt ihm die wirtschaftliche Grundlage. Die Praxis soll kurz vor dem Verkauf stehen.

Geprüft wird nach Aussage des Sozialministeriums derzeit, ob dem Auricher Arzt generell die Approbation entzogen werden soll. Galle von der Gesellschaft für Nephrologie sprach von einem „absoluten Einzelfall“. Er riet Patienten, im Zweifelsfall einen zweiten Arzt zu Rate zu ziehen.

Blutwäsche

Die Dialyse ist ein Verfahren zur Blutreinigung, wenn die Niere nicht mehr richtig arbeiten und Harnstoffe ausscheiden kann. Andernfalls würden Menschen quasi von innen heraus vergiftet werden. Bei der Dialyse wird über eine Membran das Blut gewaschen, auf der einen Seite ist Blut und Plasma, auf der anderen Seite eine Dialyselösung. Dem Körper werden Wasser und Giftstoffe zugleich entzogen. Während der Therapie kann der Blutdruck rapide fallen. Es können Kopfschmerzen, Müdigkeit und Taubheitsgefühle auftreten.

Eine Dialyse ist sehr aufwendig und teuer für die Kassen. Patienten müssen dreimal in der Woche zum Arzt, eine Sitzung dauert fünf Stunden. Zu Beginn einer Behandlung sind die Patienten im Schnitt 68 Jahre alt. Häufig ist das Nierenversagen Nebenerscheinung einer Diabetes-Erkrankung.

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