Tests unauffällig

Noch keine Entwarnung im Futter-Skandal

Hannover - Gift-Milch ist zwar bislang nicht aufgetaucht – Niedersachsens Behörden geben aber keine Entwarnung imTierfutter-Skandal. Viele Verbraucher sind verunsichert. Politiker wollen die Industrie für Kontrollen kräftig zur Kasse bitten.

Mit Kontrollen haben die Behörden am Wochenende versucht, das ganze Ausmaß des neuen Futtermittel-Skandals aufzudecken. Bis zum Sonntagnachmittag wurden in Niedersachsen 800 Proben von Milchbetrieben genommen, die alle unauffällig waren. Das teilte die Landesvereinigung der Milchwirtschaft mit. Darunter seien 79 amtliche Proben des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz Laves, der Rest seien Eigenkontrollen, sagte eine Sprecherin des Laves. Der Vizepräsident des Landesbauernverbands Heinz Korte begrüßte die Ergebnisse und wertete sie als „Beleg für die funktionierenden Eigenkontrollen“ in der Milchwirtschaft.

Zahlreiche Höfe dürfen zudem bereits wieder Milch ausliefern, weil sie Tests zufolge nicht verseucht ist. Mehrere hundert Betriebe, von denen noch keine Laborergebnisse vorliegen, mussten ihre Milch aber am Sonntag noch zurückhalten. Entwarnung wollten die Behörden zunächst nicht geben. „Wir nehmen das Thema ausgesprochen ernst“, so die Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftministeriums.

Am Freitag war bekanntgeworden, dass Betriebe in Niedersachsen und anderen Bundesländern Futtermais aus Serbien bekommen hatten, der mit dem krebserregendem Schimmelpilz Aflatoxin verseucht ist. Allein in Niedersachsen sind 4467 Betriebe betroffen, darunter Hunderte Milchbetriebe. Tiere hatten den Schimmel-Mais gefressen, das Gift kann sich in Kuhmilch ablagern.

Unklar war am Sonntagmittag noch, ob Leber und Nieren von Masttieren in den betroffenen Betrieben mit dem Gift belastet sein könnten. Weil das nicht auszuschließen sei, müssten die Höfe entweder belegen, dass die Innereien einwandfrei seien oder die Innereien entsorgen, sagte eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums in Hannover. Anfang der Woche werde das Bundesinstitut für Risikobewertung eine Einschätzung dazu geben.

Keine Entwarnung gibt es auch beim Futtermittel selbst: Von bis zum Samstagabend 19 amtlich untersuchten Proben waren 8 positiv - überschritten also den zulässigen Höchstgehalt von Aflatoxin. 11 lagen dagegen unterhalb des zulässigen Grenzwertes.

Die Politik droht der Industrie mit Kontrollgebühren in Millionenhöhe. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) sagte dem Magazin „Focus“, dass der Staat 30 bis 50 Millionen Euro im Jahr sparen könne, wenn die Kosten der Wirtschaft in Rechnung gestellt würden. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) warf den Herstellern Versagen bei den Eigenkontrollen vor und betonte: „Wenn die Bundesländer ausreichende Kontrollen nicht leisten können, liegt es auf der Hand, die amtlichen Kontrollen in Zukunft stärker als bisher durch Gebühren zu finanzieren.“

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) will die Verursacher des jüngsten Futtermittel- Skandals finanziell zur Verantwortung ziehen. Der schleswig- holsteinische Agrarminister Robert Habeck (Grüne) schloss sich dem am Sonntag an: „Wenn der Staat da mit mehr Kontrollen rein muss, weil die Privaten es nicht auf die Reihe kriegen, dann ist die Industrie bei der Finanzierung in der Pflicht.“

Foodwatch-Sprecher Martin Rücker sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir haben bei Futtermittelkontrollen erhebliche Schwachstellen, die eigentlich auch bekannt sind.“ Der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure forderte zudem, die Probleme zentral anzugehen. „Wir brauchen eine Art Lebensmittel-Europol“, sagte der Verbandsvorsitzende Martin Müller der „Passauer Neuen Presse“.

Der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, sieht die Schuld im gegenwärtigen Schimmelpilz-Skandal indes bei dem Hamburger Unternehmen, das den Mais aus Serbien importiert hatte. „Schuld ist in Lebensmittel-Skandalen immer derjenige, der unmittelbar für das Produkt Verantwortung trägt“, sagte Born der dpa am Samstag.

Den Fall ins Rollen gebracht hatte ein Landwirt im Kreis Leer. Ihm war am 5. Februar aufgefallen, dass die Grenzwerte des giftigen Schimmelgiftes Aflatoxin überschritten waren. Er hatte das verseuchte importierte Futter benutzt.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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