KZ-Wachmänner aus Niedersachsen

NS-Fahnder kommen zu spät

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Gegen Wachmänner des KZ Auschwitz-Birkenau wird wegen Beihilfe zum Mord ermittelt.

Hannover - Im Fall der ehemaligen Wachmänner des Vernichtungslagers Auschwitz kommen die Ermittler offenbar teilweise zu spät: Von den drei Beschuldigten in Niedersachsen sind zwei wohl verhandlungsunfähig.

„Es gibt deutliche Anhaltspunkte, dass aufgrund des Alters erhebliche gesundheitliche Defizite bestehen“, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Oberstaatsanwalt Thomas Klinge, gegenüber der HAZ.

Bei den beiden Männern handelt es sich um einen 90-Jährigen aus der Region Hannover sowie einen 88-Jährigen aus dem Kreis Goslar. Der heute 88-Jährige war als SS-Sturmmann 1944 drei Monate in Auschwitz. Bei einer Interviewanfrage der HAZ im Januar wirkte er desorientiert, Nachbarn berichteten von Demenz. Über die Person aus dem Raum Hannover ist nichts Näheres bekannt.

Beide Männer standen auf einer Liste von 30 früheren Auschwitz-Wachmännern, die die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg Ende vergangenen Jahres an die ­regionalen Staatsanwaltschaften in den Bundesländern übergeben hatte. Auslöser für die Ermittlungen war ein Urteil des Landgerichts München, das den SS-Mann John Demjanjuk 2011 wegen Beihilfe zum Mord verurteilte, ohne ihm, wie bislang nötig, konkrete Taten nachweisen zu können. Die Zentralstelle sieht darin eine neue Rechtsauffassung und nahm deshalb Ermittlungen gegen weitere ehemalige Wachmänner aus Vernichtungslagern auf.

In Niedersachsen konzentrieren sich die Ermittlungen nun offenbar auf den dritten früheren SS-Mann, den 92-jährigen Oskar Gröning, der in der Lüneburger Heide lebt. Gröning war von 1942 bis 1944 als SS-Unterscharführer in Auschwitz. Seine Aufgabe war es, das Geld zu verbuchen, das die Häftlinge nach ihrer Ankunft an der Rampe bei ihm abliefern mussten. Gröning beteuert, dass er nie an Ermordungen beteiligt gewesen sei. Er ist in dieser Woche von der Staatsanwaltschaft Hannover befragt worden. Sie muss nun über eine Anklage entscheiden.

In seinem Fall gibt es auch bereits einen möglichen Nebenkläger: den 88-jährigen Israel Löwenstein. Löwenstein ist selbst Auschwitz-Überlebender, seine Eltern wurden in Auschwitz kurz nach der Ankunft ermordet. „Es geht ihm um eine späte Form der Gerechtigkeit“, sagt der Anwalt Thomas Walther, der den in Israel lebenden Löwenstein vertritt.

In anderen Bundesländern gingen die Ermittler am Donnerstag äußerst rigide gegen ehemalige Auschwitz-Wachmänner vor. In Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen wurden insgesamt 14 Wohnungen von Beschuldigten durchsucht. In Baden-Württemberg wurden sogar drei Männer im Alter von 88 bis 94 Jahren verhaftet. Dass die Staatsanwaltschaft Hannover auf Durchsuchungen verzichtete, erklärt deren Sprecher vor allem mit der Kooperationsbereitschaft Grönings: Er habe den Ermittlern freiwillig Material übergeben.

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