NPD-Funktionär

NSU-Morde: Thorsten Heise im Visier der Ermittler

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Abgeführt im Anzug und mit Babyfläschchen in der Hand: Thorsten Heise gibt sich gern als seriöser Familienvater aus (Foto von 2007).

Fretterode/Northeim - Bei den Untersuchungen der Morde der rechtsextremen Terrorzelle NSU gerät der NPD-Funktionär Thorsten Heise als Zeuge ins Visier der Ermittler. Bei einer Razzia auf seinem Grundstück bei Göttingen vor fünf Jahren fanden die Beamten Kassetten mit Hinweise auf die damals untergetauchten Neonazi-Mörder.

Bei den Untersuchungen zur Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) ist jetzt zum wiederholten Mal auch der mehrfach verurteilte Neonazi und Gründer der „Kameradschaft Northeim“, Thorsten Heise, ins Blickfeld geraten. So befasste sich kürzlich der NSU-Untersuchungsausschuss mit einem Vermerk des Bundeskriminalamtes (BKA), in dem es um drei Kassetten geht, die im Oktober 2007 bei einer Durchsuchung auf Heises Anwesen in Fretterode im thüringischen Eichsfeld sichergestellt wurden. Auf diesen Kassetten soll ein Gespräch zwischen Heise und dem Anführer der Neonazi-Organisation „Thüringer Heimatschutz“, Tino Brandt, aufgezeichnet sein, in dem auch die Namen der NSU-Mitglieder Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefallen sein sollen.

Heise galt jahrelang als eine der Führungsfiguren der rechtsextremen Szene in Niedersachsen. 2002 zog er ins thüringische Eichsfeld. Nach Angaben des Verfassungsschutzes bestehen weiterhin vielfältige Kontakte zu seinen Gesinnungsgenossen in Südniedersachsen und Nordhessen. Diese nähmen auch regelmäßig an Aktionen der von ihm gegründeten „Kameradschaft Eichsfeld“ teil.

Bei der Durchsuchung 2007 hatten die Ermittler außer mehreren Waffen auch drei Kassetten eines Diktiergeräts sichergestellt und ausgewertet. Inzwischen habe das BKA auch die Bundesanwaltschaft vom Inhalt der aufgezeichneten Gespräche in Kenntnis gesetzt, teilte der Sprecher der Karlsruher Behörde, Marcus Köhler, mit. Nach einer vorläufigen Bewertung bestätige der Inhalt im Wesentlichen die bisherigen Ermittlungsergebnisse in dem „NSU“-Verfahrenskomplex. Im Übrigen werde geprüft, ob sich neue Ermittlungsansätze ergeben könnten.

Heise wird in dem Verfahren als Zeuge geführt. Bislang gibt es keinen Hinweis, dass er selbst zu den drei NSU-Mitgliedern in Verbindung stand. Er soll indes Kontakt zu mehreren Rechtsextremisten gehabt haben, die als aktive Unterstützer des Ende 2011 aufgeflogenen Terrortrios verdächtigt werden. So war sein Gesprächspartner Tino Brandt der führende Kopf der Neonazi-Organisation „Thüringer Heimatschutz“, in der auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aktiv waren. Brandt, der zeitweise auch dem Landesvorstand der thüringischen NPD angehörte und 2001 als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt wurde, soll sie in der ersten Zeit nach ihrer Flucht vor der Polizei im Jahr 1998 unterstützt haben.

Auf einer der drei bei Heise sichergestellten Kassetten wollen die BKA-Ermittler nach Angaben der Linken-Abgeordneten Petra Pau die Namen „Beate Schäfer oder Schädler“, „Uwe oder Udo Mundlos“ und „Udo Böhmer“ herausgehört haben. Ergänzt wird der Vermerk durch den Hinweis, dass die drei Personen „verschwunden“ seien.

Außerdem sollen Heise und Brandt über eine Geldübergabe an den Thüringer Neonazi Andre K. gesprochen haben. Dieser soll damals 2000 Mark erhalten haben, um davon Pässe für das untergetauchte NSU-Trio zu besorgen. In der rechtsextremen Szene wurde er beschuldigt, das Geld unterschlagen zu haben. Daneben gibt es noch andere Verbindungen zu den mutmaßlichen Unterstützern der untergetauchten Neonazis. So soll Holger G., der dem Terrortrio seinen Führerschein und seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben soll, an Heises Hochzeitsfeier im Mai 1999 teilgenommen haben. Holger G. war im November vergangenen Jahres in Lauenau (Kreis Schaumburg) festgenommen worden.

Auch Ralf Wohlleben, den die Bundesanwaltschaft wegen Beihilfe zum Mord angeklagt hat, gehört zu Heises Bekanntenkreis. Wohlleben soll dem NSU-Trio die Waffe verschafft haben, mit der Böhnhardt und Mundlos neun Migranten erschossen haben sollen. Wohlleben war ebenso wie Heise einer der führenden NPD-Funktionäre in Thüringen, beide saßen zeitweilig gemeinsam im Landesvorstand der rechtsextremen Partei. Heise gehört immer noch zur NPD-Führungsriege. Derzeit ist er stellvertretender Landesvorsitzender in Thüringen, außerdem sitzt er im Kreistag des Eichsfeldkreises.

Von Heidi Niemann

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