Roboter fürs Kinderzimmer

Nürnberg zeigt Spielzeuge der neuen Generation

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Ein Plastikfreund mit smartem Gesicht: Der „RoboMe“ kann ohne Handy nicht mitspielen.

Nürnberg - Am Mittwoch beginnt die 64. Nürnberger Spielwarenmesse. 70.000 Neuheiten zeigen die Aussteller. Spielzeuge können immer mehr – auch dank Smartphones und Tablet-PCs. Bauklötze gibt es aber immer noch – wenn auch nicht mehr nur aus Holz.

Er ist schwarz-weiß, bewegt sich auf Rollen und sieht aus wie eine Mischung aus dem Müll sammelnden Filmroboter WALL-E und einem „Star Wars“-Krieger. „RoboMe“ hat nur dann ein Gesicht, wenn man zwischen seine Ohren ein iPhone klemmt. Dann erscheinen auf dem Display ein Augenpaar samt Brauen und ein freundlicher Mund mit weißen Zähnen. Zunächst. Denn je nachdem, wie mit ihm gespielt wird, verändert er Aussehen und sogar Charakter, verspricht der Hersteller.

„RoboMe“ ist ein „Toy 3.0“. So nennt die Branche Produkte, die Spielzeug zum Anfassen mit der virtuellen Welt verbinden. Die Spielzeuge der neuen Generation bilden einen Schwerpunkt auf der am Mittwoch beginnenden 64. Spielwarenmesse in Nürnberg. Noch bis Montag zeigen auf dem Nürnberger Messegelände 2750 Aussteller etwa eine Millionen Produkte, darunter etwa 70 000 Neuheiten. Zu der Messe werden 76 000 Fachbesucher aus 120 Ländern erwartet. Die Spielwarenmesse versteht sich als Branchentreffen, anders als die Spielemesse „Spiel“ in Essen, bei denen auch Hobbyspieler Neuheiten anschauen und ausprobieren dürfen.

Branchenexperten wie Andreas Schäfer suchen auf dem 160 000 Quadratmeter großen Messegelände nach den neuen Trends fürs Kinderzimmer. Und die blinken und piepsen in Nürnberg um die Wette. „Das ist die totale Reizüberflutung“, sagt Schäfer, Geschäftsführer von idee+spiel, Europas größtem Einkaufs- und Marketingverband für Spielwaren. „Toys 3.0“ nennt die Branche klassisches Spielzeug, das digitale Funktionen hat. Dazu zählt etwa ein Billardspiel für Tablet-PCs, bei dem man die Kugeln mit einem realen Queue in Bleistiftgröße anstößt oder ein kleiner Ball, den man mit einem Tablet-PC dirigieren kann. So kann man Geschicklichkeitsrennen bestreiten oder einem – realen – Hund das Apportieren beibringen. „Das ist ein Megatrend“, sagt Schäfer. „Die Kunden sind weniger bereit, teure Hardware zu kaufen“, sagt er. Für die „Toys 3.0“ braucht es aber nur ein Smartphone – und das sei eben schon in vielen Haushalten Standard.

„Das dominierende Smartphone im Kinderzimmer ist aber ein Vorurteil“, sagt Axel Dammler, Geschäftsführer von iconkids & youth, einem Institut für Kinder- und Jugendforschung. Bei den Sechs- bis Siebenjährigen haben nach einer Studie aus dem Vorjahr nur drei Prozent ein eigenes Smartphone, bei den Zehn- bis Zwölfjährigen sind es 19 Prozent. „Die ,Toys 3.0‘ richten sich auch an spielende Erwachsene“, sagt Dammler.

Die Spielebranche wächst nach einem Rückgang Mitte des vergangenen Jahrzehnts seit vier Jahren wieder stetig. „Der Geburtenrückgang bereitet der Branche Sorgen“, sagt Schäfer. Eine andere gesellschaftliche Entwicklung gleiche das aber aus. Denn heute gebe es viele Scheidungen. „Da wird dann eben zweimal Weihnachten gefeiert“, sagt Schäfer. Im Vorjahr stiegen die Umsätze im Handel um drei Prozent, der Durchschnittspreis der Spielzeuge stieg sogar um fünf Prozent.

Das große wirtschaftliche Potenzial der Verknüpfung alter und neuer Technik zeigte sich bei dem Videospiel „Skylanders“. Der Entwickler Activision Blizzard, bekannt durch Titel wie „Call of Duty“ oder „Diablo“, hatte vor einem Jahr 32 kleine Plastikmonster auf den Markt geworfen. Das waren nicht nur Sammelfiguren zum Spielen, in ihnen steckt auch ein Funkchip. Steht die Figur auf einem Lesegerät, kann der Spieler die virtuelle Version der Figur durch das parallel erschienene Videospiel „Skylanders: Spyro’s Adventure“ steuern. In den ersten fünf Monaten verkaufte Activision mehr als 30 Millionen Exemplare der kleinen Plastikmonster. Vor wenigen Wochen erschien dann pünktlich zum Weihnachtsgeschäft der Nachfolger mitsamt 48 neuen Figuren. Ein Trend, der sich wohl weiter fortsetzen wird: Branchenriese Nintendo hat in der neuesten Version seiner Wii-U-Konsole einen Funkchip-Leser eingebaut. Neue Techniken sind aber nicht nur für das Kinderzimmer gedacht. So gibt es Figuren für die Modelleisenbahn, die reagieren, wenn der Zug sie passiert. So kommt Leben in verstaubte Keller.

Nicht jeder mag aber die technischen Neuerungen. „Ich verstehe die Leute, die nicht wollen, dass immer alles piepst und blinkt“, sagt Schäfer. Es gebe auch weiterhin Hersteller, die nur klassisches Spielzeug anbieten – und auch da gäbe es ständig Innovationen, etwa bei den Brettspielen. Zudem entstehen auch aus digitalen Spielen analoge Versionen. Jüngstes Beispiel ist die Brettspielversion des beliebten Browsergames „Bejeweled“.

Ein alter Bekannter, der in der Vergangenheit einige Eltern gereizt haben dürfte, wird 2013 in neuer Form in die Kinderzimmer zurückkehren: „Der neue Furby wird ein Renner werden“, sagt Branchenvertreter Schäfer. Die neue Generation des kleinen Plüschfreundes hat statt Plastikaugen LCD-Bildschirme, die Emotionen zeigen können. Mit einem Smartphone kann man das Tierchen dann etwa mit virtuellen Hähnchenschenkeln füttern – ein Wischen über das Handydisplay genügt. Der Enkel des Tamagotchi ist dann satt – und rülpst zufrieden.

Jugendforscher Dammler sieht ein „friedliches Nebeneinander“ von alten und neuen Spielformen. Eltern sollten sich keine Sorgen machen. Neues Spielzeug werde immer exzessiv gespielt. Irgendwann komme aber dann wieder was Neues. „Das klassische Spielzeug wird nicht verdrängt“, sagt Dammler. Es gebe da viele Innovationen, die auch Eltern schätzen würden. Dazu gehören Bauklötze aus Kork. Die stürzen schön zusammen – schön leise. Etwas lauter wird es bei „Bumm Bumm Ballon“: Hier müssen die Spieler je nach Würfelergebnis Stäbe immer weiter in einen in einer Halterung arretierten Luftballon drehen. So lange, bis es bei einem schließlich „Bumm!“ macht.

Gerd Schild

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