Organspende-Skandal

Ohne Beachtung: Schnellverfahren bei Spenderorganen

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Foto: Immer mehr Spenderorgane werden per Schnellverfahren an todkranke Patienten weitergeleitet.

Berlin - Der Organspende-Skandal ist noch nicht ausgestanden – da gibt es neue Zweifel. Dutzende Organe jedes Jahr werden nicht allein nach den Standardkriterien wie Erfolgsaussicht oder Dringlichkeit vergeben.

In Deutschland gelangen immer mehr rettende Spenderorgane per Schnellverfahren ohne Beachtung aller sonst üblichen Kriterien zu todkranken Patienten. Allein im Vorjahr wurden rund 900 Mal Herz, Lunge, Niere, Leber oder Bauchspeicheldrüse per beschleunigter Vermittlung vergeben, wie aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht. Die Zahlen, über die die „Frankfurter Rundschau“ zuerst berichtet hatte, lagen der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag in Berlin vor.

Dieses Verfahren wird zum Beispiel für schwer vermittelbare Organe etwa von älteren Patienten mit Vorerkrankungen angewendet – die Organe bleiben in der Regel in der Region. Verstärkt wird auf kurze Dauer bis zum Einsetzen des Organs geachtet. Wenn ein solches Organ bereits in einem Transplantationszentrum ist und dort als nicht geeignet für einen Patienten bewertet wird, kann es sein, dass es gar nicht mehr allgemein vergeben wird, sondern gleich in der Klinik bleibt. Das sonst gängige System einheitlicher Wartelisten ist so weitgehend außer Kraft gesetzt.

Das Ministerium verwies allerdings auf Richtlinien der Bundesärztekammer, nach denen es auch für dieses Verfahren bestimmte Auswahlkriterien gibt. Mit 38,5 Prozent wurde 2011 etwa mehr als jede dritte Leber auf diesem Weg vergeben. Auch fast jedes vierte Herz und sogar jede zweite Bauchspeicheldrüse wird im beschleunigten Verfahren verteilt. 2002 betrug der Anteil der beschleunigten Verfahren bei Herz, Leber und Bauchspeicheldrüse noch unter 10 Prozent.

Das Ministerium begründete den Anstieg mit dem wachsenden Spenderalter – was gemeinsam mit weiteren Faktoren wie Vorerkrankungen vermehrt schwer vermittelbare Organe bringe. Es gilt dem Bericht zufolge bei Experten jedoch als manipulationsanfällig. Wiederholt war der Verdacht geäußert worden, Organe würden „kränker“ gemacht, um das bestehende System der Organverteilung zu unterlaufen.

Untersuchungen gefordert

Der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, sagte, in einem Prüfbericht im Auftrag des Gesundheitsressorts sei das Verfahren bereits vor Jahren als anfällig für Manipulationen bezeichnet worden. „Die 50 Transplantationszentren wickeln hier Organentnahme, Verteilung und Empfang größtenteils in Eigenregie ab.“ Brysch verlangte Aufklärung über den Anteil der Privatzahler und ausländischer Organempfänger am beschleunigten Verfahren.

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe forderte eine Untersuchung. „Der enorme Anstieg dieser Transplantationen ist erklärungsbedürftig“, sagte er der Zeitung. Die Praxis der beschleunigten Vermittlung müsse transparent gemacht werden. „Nach den Ereignissen in Göttingen und Regensburg müssen wir alles tun, um sicherzugehen, dass nicht auch an anderer Stelle manipuliert wird.“

Die Universitätskliniken Regensburg und Göttingen werden derzeit von einem Organspende-Skandal erschüttert. Ein Oberarzt steht im Verdacht, zuerst in Regensburg und später in Göttingen Krankenakten gefälscht zu haben. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den Patienten schneller eine neue Leber implantiert wurde – obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten.

dpa

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