„Sie waren überall“

Opfer von Einbrüchen leiden psychisch

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Hannover - Die Unterwäsche ist auf der Suche nach Bargeld zerwühlt worden, die Familienandenken wurden eingesteckt: Opfer von Wohnungseinbrüchen müssen einen massiven Angriff ihrer Privatsphäre verarbeiten. Häufig geht das nicht ohne professionelle Hilfe.

Als die Frau um die Hausecke in ihren Garten biegt, sieht sie den mit zerknülltem Geschenkpapier, Reisedokumenten und Tickets übersäten Rasen - und ein silbernes Herz. Die Diebe hatten das Geschenk zum Hochzeitsjubiläum zurückgelassen und nur das Bargeld eingesteckt. Der Frau wandert ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

„Mir wurde klar, dass sie bei uns im Haus waren. Sie waren überall“, sagt die 47-Jährige aus Niedersachsen, die ihren Namen und ihren Wohnort nicht veröffentlichen möchte. Der gewaltsame Einbruch in ihr Zuhause und ihre Privatsphäre liegt erst wenige Monate zurück. Am Tag der Kriminalitätsopfer am Sonntag stehen die Betroffenen im Mittelpunkt, in diesem Jahr vor allem die Opfer von Wohnungseinbrüchen.

Im Inneren des Einfamilienhauses fielen der Familie die kleinen Veränderungen nach dem Einbruch erst nach und nach auf. "Der schlimmste Moment war, als die Spurensicherung der Polizei kam", sagt die dreifache Mutter. Die Beamten liefen durch das Haus, öffneten Schubladen und Schranktüren. „Sie haben das Gleiche gemacht, wie die Täter. Plötzlich nahm alles ein Bild an, die Sache wurde greifbar.“

Beim Gedanken daran, dass ein Fremder ihre Kleidung durchwühlte, komme in ihr immer noch der Ekel hoch. „Ich musste alles putzen. Auch wenn das schon zehnmal sauber war, habe ich nochmal drüber geschrubbt.“ Die Frau kann in ihrem Haus nicht mehr die Toilette benutzen, leiseste Geräusche rufen in ihr Panik hervor, dass jemand im Haus sein könnte. Die Bankkauffrau erkennt, dass sie psychologische Unterstützung braucht und wendet sich an den Weissen Ring.

Der Verein kümmert sich um Opfer von Kriminalität, Betroffene von Wohnungseinbrüchen machen dabei noch einen geringen Anteil aus. In 228 Fällen bekamen Einbruchsopfer im vergangenen Jahr bundesweit materielle Hilfe, beispielsweise Geld für einen Anwalt. „Wir begleiten die Betroffenen aber auch bei Gericht“, sagt Sabine Porth. Die 72-Jährige und ihr Mann Albert aus Hemmingen bei Hannover arbeiten seit 25 Jahren ehrenamtlich für den Weissen Ring. „Unsere Hauptaufgabe ist aber erstmal Zuhören.“

Obwohl Einbruchsopfer meist keine direkte Gewalt erfahren haben, sind sie traumatisiert. Derzeit kämpft der Verein dafür, dass ein Wohnungseinbruch ebenfalls als Tatbestand in das Opferentschädigungsgesetz aufgenommen wird. „Ein Einbruch ist eine sehr schlimme Sache“, sagt Albert Porth. „Die Betroffenen leiden und müssen unterstützt werden.“ Nicht nur Erwachsene haben nach einem Einbruch mit psychischen Belastungen zu kämpfen: „Für Kinder ist das eine schwere Situation, da sie eine besondere Beziehung zu ihrem schützenden Zuhause haben“, sagt Sabine Porth.

Die Zahl der Wohnungseinbrüche steigt stetig: Im Jahr 2013 wurden deutschlandweit rund 149500 Einbrüche registriert, im Vorjahr waren rund 144.000 Fälle angezeigt worden. Von den Einbrüchen werden bundesweit durchschnittlich 15 Prozent aufgeklärt.

dpa

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