Urteil: Fahrlässige Tötung

Oscar Pistorius ist schuldig

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Pretoria - Der südafrikanische Sportstar Oscar Pistorius ist wegen fahrlässiger Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp schuldig gesprochen worden. Richterin Thokozile Masipa verkündete ihr Urteil am Freitag in Pretoria. Das Strafmaß wird später verkündet.

Pistorius hat den Schuldspruch mit Fassung aufgenommen. Der Verurteilte zeigte am Freitag kaum eine Regung. Nach Verlesung des Urteils schien er sich stattdessen leicht vor Richterin Thokozile Masipa zu verbeugen. Am Vortag hatte er wiederholt im Gerichtssaal geweint.

Der südafrikanische Paralympics-Star war am Donnerstag überraschend einer Verurteilung wegen Mordes oder Totschlags entgangen. Die Höchststrafe kommt damit nicht mehr infrage.

Richterin Thokozile Masipa hatte bereits am Donnerstag mit ihrer mehrstündigen Urteilsbegründung begonnen. Einen Vorsatz bei den tödlichen Schüssen schloss sie klar aus. Pistorius habe nicht wissen können, dass er jemanden töte, als er durch eine geschlossene Tür schoss.

Damit stieß Masipa auch auf Unverständnis. "Die Menschen sind aufgebracht und verärgert", erklärte der Kapstädter Anwalt Keith Gess. Viele hätten eine deutlich härtere Entscheidung erwartet. "Wenn jemand vier Mal durch eine Tür schießt, wie kann man dann argumentieren, dieser habe nicht wissen können, dass er jemanden töte?"

Der beinamputierte Sportler hatte in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin durch eine geschlossene Badezimmertür erschossen, weil er nach eigenen Angaben einen Einbrecher im Haus vermutete.

Eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung bedeutet nach südafrikanischem Recht eine Höchststrafe von 15 Jahren. Jedoch sind auch einekürzere Gefängnisstrafe oder sogareine Strafe auf Bewährung möglich. Das Strafmaß wird erst in einigen Wochen bekanntgegeben.

Der Angeklagte litt der Richterin zufolge zur Tatzeit nicht unter einer psychischen Störung. "Er wusste, was richtig und was falsch war", sagte sie. Er habe "ungesetzlich" gehandelt. Einen Freispruch halten Beobachter deshalb für unwahrscheinlich.

Pistorius war am Donnerstag von Weinkrämpfen geschüttelt worden. Im Falle eines Schuldspruchs kann er Berufung einlegen und käme eventuell erneut auf Kaution frei, bis das Verfahren abgeschlossen ist. Das könnte Experten zufolge bis zu einem Jahr dauern.

dpa

Wie geht es nach dem Urteil weiter?

Falls Pistorius schuldig gesprochen wird, wie lange dauert es, bis die Richterin das Strafmaß verkündet?

Das ist nicht genau festgelegt. Beobachter erwarten, dass Richterin Thokozile Masipa spätestens vier Wochen nach dem Urteil bekanntgibt, wie lange Pistorius ins Gefängnis muss. In dieser Zeit haben Freunde und Familie Zeit, um beim Gericht um Milde zu bitten. Staatsanwaltschaft und Verteidigung erhalten nach Verkündung des Urteils Gelegenheit, dem Gericht Stellungnahmen vonPsychiatern und Sozialarbeitern zu präsentieren. Diese Einschätzungen sollen deutlich machen, wie sich das jeweilige Strafmaß auf Pistorius auswirken würde.

Darf Pistorius im Falle eines Schuldspruchs nach Hause gehen oder muss er gleich ins Gefängnis?

Er darf zunächst wieder ins Haus seines Onkels zurückkehren, wo er seit seiner Freilassung auf Kaution im vergangenen Jahr wohnt. Nach der Verkündung des Strafmaßes in wenigen Wochen würde er aber sofort in ein Gefängnis gebracht, so südafrikanische Rechtsexperten. Dann müsste Pistorius erneut einen Antrag stellen, um auf Kaution freizukommen, bis ein mögliches Berufungsverfahren abgeschlossen ist. Das neue Verfahren könnte rund ein Jahr dauern.

In welchem Gefängnis muss Pistorius eine mögliche Haftstrafe absitzen - und genießt der beinamputierte Prominente dabei Sonderbehandlung?

Wenn Pistorius des vorsätzlichen Mordes schuldig befunden und nicht auf Kaution freigelassen wird, dann muss er seine Haft vermutlich in Pretoria absitzen, da dort sein Wohnsitz ist. Beobachter meinen, dass er im schlimmsten Fall ins Pretoria Central Prison kommen könnte. In dem Gefängnis wurden in der Vergangenheit zahlreiche Gegner der Apartheid hingerichtet. Heute sitzen dort Schwerverbrecher wie Vergewaltiger und Mörder ein. Die Gefängnisse sind für Behinderte ausgerüstet, aber eine bevorzugte Behandlung ist normalerweise nicht vorgesehen.

dpa

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