Umstrittene Tradition

Pferdezüchter kämpfen für das Brandzeichen

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Beim Schenkelbrand werden den Tieren glühend heiße Eisen aufgedrückt.

Rethem/Aller - Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner fasst ein ganz heißes Eisen an: Im neuen Tierschutzgesetz sollen Brandzeichen zur Kennzeichnung von Pferden abgeschafft werden. Doch Reiter und Züchter stemmen sich gegen das geplante Verbot – vor allem im Pferdeland Niedersachsen.

Für die einen ist es eine Jahrhunderte alte Tradition, für die anderen bloße Tierquälerei: Zwischen der Pferdelobby und Tierschützern tobt seit Jahren ein erbitterter Kampf um den sogenannten Schenkelbrand. Im Moment sieht es so aus, als ob die umstrittenen Brandzeichen tatsächlich abgeschafft werden könnten. Dies sieht zumindest der Entwurf des neuen Tierschutzgesetzes aus dem Haus von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) vor. An diesem Freitag ist das geplante Gesetz Thema im Bundesrat.

Erwig Holste, Brennbeauftragter des Hannoveraner Verbandes, sieht sich zu Unrecht als Tierquäler verunglimpft. „Ich mache das seit 15 Jahren und habe mehr als 12 000 Fohlen gebrannt – nicht einmal gab es danach Komplikationen“, beteuert der 53-Jährige. An diesem Tag drückt er dem fünf Wochen alten Fohlen Saphira das glühend heiße Eisen auf den hinteren Schenkel. „Wenn ich sagen würde, das ist schmerzfrei, würde ich lügen, aber die Haut ist achtmal dicker als unsere. Wir brennen nur die Oberhaut an“, erklärt der gelernte Hufschmied auf dem idyllisch gelegenen Gutshof in Rethem an der Aller. Saphira lässt den blitzschnellen Aufdruck äußerlich unbeeindruckt über sich ergehen.

Seit drei Jahren muss Holste den jungen Pferden auch per Spritze einen Mikrochip in den Hals einsetzen - diese Kennzeichnung ist EU-weit Vorschrift. Daher sei der Schenkelbrand nicht mehr notwendig und könne aus dem Gesetz gestrichen werden, argumentiert Aigners Ministerium. „Der Tierschutz hat für die Bundesregierung hohe Priorität. Das Brandzeichen zu verbieten, war auch ein Wunsch der Länder“, sagt ein Sprecher.

„Bei dem Mikrochip gibt es überall noch Klärungsbedarf“, betont dagegen Enno Hempel, Geschäftsführer der Pferdeland Niedersachsen GmbH. „Es gibt viele Fragen, zum Beispiel: Was ist mit der Fälschungssicherheit, welche gesundheitlichen Nebenwirkungen gibt es, welche technischen Mängel?“ Die EU-Verordnung enthalte ausdrücklich die Möglichkeit, alternative Methoden einzusetzen. In Österreich oder England könne zwischen beiden Methoden gewählt werden.

Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) stemmt sich gegen ein Verbot des Brennens: „Gutachterliche Stellungnahmen belegen, dass beide Kennzeichnungsmethoden tierschutzrechtlich voll vertretbar sind“, sagt der für den Bereich Zucht zuständige FN-Vizepräsident Theo Leuchten aus Ratingen.

Mit der Rückenansicht einer jungen Frau, an deren Schulter ein blutiges, qualmendes Brandmal prangt, läuft jedoch der Deutsche Tierschutzbund Sturm gegen den Schenkelbrand. „Fühl dich wie ein Pferd“, lautet der Slogan zu der Plakatkampagne. Die Tierschützer werfen den Befürwortern vor, Irrtümer zu verbreiten und das Chippen aus Interesse am Erhalt ihrer Markenzeichen schlecht zu machen.

„Die akute Belastung beim Brennen und Chippen ist sehr ähnlich“, sagt der Tiermediziner Prof. Jörg Aurich von der Universität Wien, der Fohlen nach beiden Eingriffen untersucht hat. Allerdings hätten Fohlen nach dem Brennen noch eine Woche lang eine erhöhte Körpertemperatur - wie Menschen, die Verbrennungen erlitten hätten.

Aurich zufolge gibt es derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass das Brennen dem Chippen in punkto Zuverlässigkeit und Sicherheit überlegen ist. Dass der Ruf der deutschen Exportschlager wie dem Hannoveraner mit dem Verbot der Brandzeichen leiden könnte, befürchtet der Experte nicht. „Die Holländer haben das Brennen schon vor zehn Jahren abgeschafft, und die Niederlande sind derzeit der erfolgreichste Sportpferdezuchtverband“, sagt der Tiermediziner.

Im Herbst soll das neue Tierschutzgesetz verabschiedet werden. Bundestagsabgeordnete der CDU und FDP setzen sich Hempel zufolge bereits für den Erhalt des Pferdebrands ein. Anders als Aigner seien auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) gegen ein Verbot. Beide Politiker sind persönlich mit dem Pferdesport verbunden: Westerwelles Partner Michael Mronz vermarktet das Reitturnier CHIO in Aachen, die Ministerin ist Reiterin.

dpa

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