Sorgerechtsstreit

Ein Pflegekind zwischen den Fronten

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„Der Kontakt darf nicht abbrechen“: Minister Busemann drängt auf eine Lösung.

Hannover - Ein fünf Jahre alter Junge wird ins Heim abgeschoben, weil sich Vater, Pflegeeltern, das Jugendamt und der Richter nicht einigen können. Es geht um die Frage, wie oft und unter welchen Umständen der leibliche Vater sein Kind sehen darf. Der Verband der Pflegeeltern erhebt schwere Vorwürfe.

Es gibt sehr viele gegenseitige Beschuldigungen in diesem Sorgerechtsstreit, nur eines steht schon jetzt mit Sicherheit fest: Ein kleiner Junge aus dem Kreis Harburg wird als Verlierer aus dem Gezerre gehen, das andere um ihn veranstalten. Der in Hamburg geborene Dennis ist erst fünf Jahre alt und versteht mit Sicherheit noch nicht, was ein Jugendamt und ein Amtsgericht in Winsen, die leiblichen Angehörigen und seine Pflegeeltern mit ihm veranstalten. Klar ist nur: Dennis lebt nicht mehr in der Pflegefamilie, die er seit seiner Geburt als Eltern kennt. Zermürbt von den Anordnungen des Amtgerichts in Winsen und enttäuscht von der fehlenden Unterstützung des Landkreises haben die Pflegeeltern den Fünfjährigen vor Kurzem zurück in ein Heim gegeben.

Was jetzt mit Dennis passiert, ist offen. Sogar Niedersachsens Justizminister Bernd Busemann (CDU) hat sich inzwischen eingeschaltet. Der Minister spricht dabei einen bemerkenswerten Satz: „Alles, was tragfähig ist, dürfte nicht an der Justiz scheitern.“ Deutlicher kann ein Justizminister seine Erwartung an unabhängige Richter kaum formulieren. Weniger Zurückhaltung übt der Landesvorsitzende des Vereins der Pflegeeltern „Pfeil“: „Der Streit wird ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des Kindes ausgetragen“, sagt Götz Gerken. „Es gibt absurde Entscheidungen des Amtsgerichts Winsen.“

Die Geschichte beginnt vor ungefähr fünf Jahren. Dennis kommt in Hamburg zur Welt, der Vater sitzt im Gefängnis. Die Mutter, drogenkrank, macht sich noch im Krankenhaus aus dem Staub. Mit vier Monaten kommt Dennis zu seinen Pflegeeltern nach Niedersachsen. Als der leibliche Vater 2009 entlassen wird, will er sein Kind sehen, was sein gutes Recht ist. Anfangs funktioniert die Ausgestaltung der Besuche. Aber zunehmend gibt es Probleme, weil der Vater und die Großmutter darauf bestehen, den Jungen ohne Begleitung zu treffen. Die Pflegeeltern lehnen das ab. Ihre Begründung: Die Besuche würden „extreme Verhaltensstörungen“ auslösen, wie es Verbandsvertreter Gerken formuliert. Das hätten auch ärztliche Gutachten bestätigt.

Auch wollen Vater und Oma den Jungen häufiger Treffen als ursprünglich vereinbart – „absolut unüblich“, nennt Gerken die Forderungen. Die Pflegeeltern wehren sich, der leibliche Vater zieht vor Gericht und gewinnt. Das Amtsgericht, sagt Gerken, „hat den Pflegeeltern schlicht nicht geglaubt“. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Pflegeeltern vereinbarte Besuchstermine haben platzen lassen.

Welche Rolle das Jugendamt dabei spielt, ist unklar. Der Verband der Pflegeeltern spricht von „menschlichem Versagen“ nicht nur bei Gericht, sondern auch beim Amtsvormund. „In so einer Situation muss sich das Amt zwischen die Pflegeeltern und die leiblichen Eltern stellen“, sagt der Landesvorsitzende Gerken. Der Landkreis Harburg, der die Vormundschaft ausübt, will sich nicht äußern, um das Kind und die Pflegefamilie zu schützen, wie Kreissprecher Georg Krümpelmann sagt.

Gerken wirft dem Jugendamt vor, es hätte die Pflegeeltern im Stich gelassen. „Es hat lange Zeit ihre Position unterstützt.“ Doch dann hat, so Gerken, hat das Amtsgericht Winsen zur Durchsetzung des Besuchswunsches ein Ordnungsgeld von 5000 Euro verhängt. Dem habe sich das Jugendamt gebeugt, statt Rechtsmittel einzulegen. „Seitdem steht die Familie alleine da.“

Und was kann ein Justizminister in der Situation tun? Wenig, Gerichte sind in ihren Entscheidungen unabhängig, Weisungen kann die Regierung nicht erteilen. Busemann, den der Fall „persönlich berührt“, versucht daher zu vermitteln. „Es geht in erster Linie um das Kindeswohl. Ich bitte alle Beteiligten, auszuloten, ob zwischen Pflegeeltern und Kind nicht doch eine tragfähige Eltern-Kind-Beziehung besteht.“ Sollte dies so sein, dürfe der wichtige Kontakt nicht abbrechen. Es müsse eine Lösung gefunden werden, die die Rechte des leiblichen Vaters angemessen berücksichtigt, fordert Busemann. „Ich bitte die Behörden und beteiligten Stellen, an einem solchen Projekt mitzuarbeiten. „Vielleicht rücken so die Interessen des Kindes zurück in den Vordergrund.

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