Kleine Feier vor großer Aufgabe

Philippe ist neuer König von Belgien

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Belgiens König Albert II. hat offiziell abgedankt, sein Sohn Philippe ist Nachfolger.

Brüssel - Historischer Nationalfeiertag in Belgien: König Albert II. gibt in einer bewegenden Zeremonie die Macht ab. Auf seinen Sohn und Nachfolger Philippe warten große Herausforderungen.

Nach einer halben Stunde war am Sonntag alles vorbei. Belgiens langjähriger König Albert II. dankte ab, sein ältester Sohn Philippe übernahm die Geschäfte. „Es lebe Belgien“, rief der 53-Jährige seinen Landsleuten in allen drei Landessprachen zu, nachdem er das feierliche Amtsversprechen vor den Mitgliedern von Senat und Parlament abgelegt hatte. Ein spartanischer Krönungsakt, den ein paar Tausend begeisterte Monarchisten vor dem Schloss in der Brüsseler Innenstadt mit Fähnchen, Sonnenschirmen und Konterfeis der neuen Königsfamilie verfolgten. „Ich bin froh, dass wir den König haben“, sagte der 22-jährige Pascale aus dem wallonischen Namur. „Wir wollten ihn uns wenigstens mal angucken, auch wenn wir nichts von einem König halten“, erklärte die 43-jährige Anngret, die mit ein paar Freunden aus dem flämischen Antwerpen gekommen war.

Die Zerrissenheit dieses Landes prägte auch die Feierlichkeiten des Thronwechsels. Als der scheidende Albert II. am Vorabend in einer Rede an das Volk so etwas wie sein Erbe formulierte, sagte er deutlich: „Ich bin davon überzeugt, dass es lebenswichtig ist, den Zusammenhalt unseres föderalen Staates zu fördern.“ Der neue Monarch bat in seiner Antrittsrede vor den Abgeordneten der zehn Millionen Belgier um „Enthusiasmus, um für den Zusammenhalt unseres Landes in Europa zu kämpfen“. Dass nach der Nationalhymne auch der als Europahymne bekannte Choralsatz aus Beethovens neunter Symphonie gespielt wurde, war mehr als ein Symbol. Es sollte ein Versprechen sein, das Land zu einen und in der europäischen Union zu halten.

„Der König ist der Zement der Einheit Belgiens“, betonte der Journalist Christian Laporte, intimer Kenner des Könighauses. Zehn Monate hat der neue Monarch nun Zeit, um den Zerfall seines Landes zu stoppen. Im Mai 2014 finden Wahlen statt. Dann, so sagen aktuelle Umfragen, könnten die flämischen Nationalisten der NV-A auf über 40 Prozent kommen und ihren Traum von einem autonomen Flandern wahr machen.

Dass es trotzdem so etwas wie Feierstimmung in allen Landesteilen gab, lag nicht nur am Sonnenschein. Denn Philippe bringt seine Frau Mathilde als Königin mit. Und sie, die oft als „belgische Diana“ bezeichnet wurde, überstrahlte an diesem Sonntag vieles. In einer beigefarbenen Natan-Kreation ihres Lieblingsdesigners Edouard Vermeulen – vorne hochgeschlossen mit Schalkragen und V-Ausschnitt hinten – zog die 40-Jährige die Blicke auf sich und löste immer wieder Beifallsstürme aus. Daneben hielt sich die scheidende Königin Paola (75) in einem grünen Kostüm der belgischen Designerin Fabienne Delvigne erkennbar zurück. Das Drei-Königinnen-Haus machte die 85-jährige Fabiola, die Frau des vor 20 Jahren verstorbenen Monarchen Baudouin, in einem pinkfarbenen Kleid komplett.

Ansonsten gab man sich bescheiden. Die erste Fahrt des frisch gekürten Königs in der offenen Mercedes-Nobelkarosse mit dem belgischen Nummernschild „1“, war nicht einmal einen Kilometer lang. Das Land muss sparen. Premierminister Elio di Rupo hatte den üblichen Etat des Staatsfeiertages von 400.000 um 100.000 Euro aufgestockt. Und so vermischten sich die üblichen Jahrmärkte und Fahrgeschäfte, die an jedem 21. Juli aufgestellt werden, mit ein paar zusätzlichen Ständen zum Thronwechsel. Die Militärparade, die der neue König am Nachmittag abnahm, das abendliche Feuerwerk – all das gehört zum Standardprogramm. Philippe wolle arbeiten, nicht feiern, hieß es aus dem Palast. Und so blieb für rührende Szenen kaum Zeit.

Der einzige, der die Belgier an diesem Tag wirklich bewegte, war ausgerechnet der Mann, der nach 20 Jahren zurücktrat: Albert II. Als er am Vorabend bei der traditionellen Musikveranstaltung „Bal National“ im Brüsseler Marollenviertel ans Mikrofon trat, drehte er sich für einen kurzen Moment zu der Frau, die ihm über viele Affären und private Rückschläge der vergangenen zwei Jahrzehnte hinweg zur Seite gestanden hat. Er wolle Königin Paola „einfach nur dafür Danke sagen, dass sie mich stets unterstützt hat“. Als er ihr dann auch noch einen „dicken Kuss“ in die erste Reihe hauchte, flossen wenigstens einmal bei diesem Thronwechsel Tränen der Rührung. Ab heute herrscht dann wieder Alltag in dem Land, in dem es nur wenige Belgier, aber viele Wallonen, Flamen und ein paar Angehörige der deutschsprachigen Gemeinschaft gibt.

Detlef Drewes

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